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Tyndale NT 1526

Einziges vollständiges Exemplar des ersten Drucks des Neuen Testaments in englischer Sprache von William Tyndale, Worms 1526, in der Württembergischen Landesbibliothek

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die elektronische Erfassung der gedruckten Altbestände von 1501-1850 u. a. auch in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bei dieser Erschließungsarbeit fiel ein englisches Neues Testament auf, das wegen fehlender Angaben zum Erscheinungsort und zum Erscheinungsjahr seither nicht eindeutig bestimmt werden konnte. Intensive Vergleiche mit einem gedruckten Katalog der in England vorhandenen englischen Bibeln legten die Vermutung nahe, daß es sich um die erste gedruckte Ausgabe eines englischen Bibeltextes von 1526 handeln müsse.

Wie Martin Luther dem deutschen Volk beginnend mit dem Septembertestament 1522 eine bleibende Bibelübersetzung bescherte und die deutsche Sprachentwicklung maßgeblich beeinflußte, so war die Übertragung des Neuen Testaments durch den englischen Humanisten und protestantischen Märtyrer William Tyndale (1494/95-1536) für England ein kultur-, kirchen- und sprachgeschichtliches Ereignis von außerordentlicher Bedeutung.

Wie hoch dieser Erstdruck von 1526 einzuschätzen ist, belegt folgendes: Im Jahr 1994 zum 500. Geburtstag Tyndale's erwarb die British Library London, eine der größten Bibliotheken der Welt, mit Unterstützung des National Heritage Memorial Fund und zahlreicher privater Spender von der Bibliothek des Baptist College in Bristol ein im Textbestand vollständiges Exemplar um mehr als 1 Million £. Neben diesem Exemplar, dem allerdings das Titelblatt fehlt, war seither nur ein um viele Blätter dezimiertes Fragment in der Bibliothek von St. Paul's Cathedral, London bekannt.

Der Leiter der Bibelsammlung in der Württembergischen Landesbibliothek, Dr. Eberhard Zwink, setzte sich wegen seines Verdachts, in Stuttgart befinde sich ein drittes Exemplar, u. a. mit dem Leiter der English Antiquarian Section bei der British Library, Dr. Mervyn Jannetta, in Verbindung. Die Direktion der British Library hielt es angesichts der kaum mehr zu widerlegenden Fakten für angebracht, Dr. Jannetta für einen Zweitagesaufenthalt nach Stuttgart zu schicken, wo nun von offizieller britischer Seite durch persönliche Einsichtnahme bestätigt wurde, daß in Stuttgart wirklich ein drittes Exemplar gehalten wird.

Folgendes ist jetzt eindeutig: William Tyndale ließ sein englisches Neues Testament in Köln 1525 bei Peter Quentel im Quartformat drucken. Als die ersten zehn Bogen fertig waren, wurde die Fortsetzung des Unternehmens vom Rat der Stadt verboten. Tyndale floh rheinaufwärts und fand 1526 in Peter Schöffer d.J. in Worms einen Drucker, der ihm ein vollständiges Buch im Oktavformat verfertigte, dessen Auflage von vielleicht 3000 Stück nach England zu verbringen war. Doch die Bibeln, deren Übersetzungstext kirchlich nicht
autorisiert war¹, durften im Lande nicht verbreitet werden und wurden verbrannt. In England sind von den unter Kleidern oder in Taschen hineingeschmuggelten Bänden bis heute nur zwei Exemplare bekannt, die übriggeblieben sind. Erst von 1533 an, als durch Heinrich VIII. die oberste Kirchengewalt dem König von England zuerkannt wurde und damit die protestantische Theologie Eingang in die dadurch geschaffene Anglikanische Kirche fand, wurde Tyndale's Text wieder ediert, der Text, der Grundlage für die heute weltweit verbreitete Authorized Version oder King James Bible von 1611 wurde. Tyndale selbst erlitt, wie einstmals seine ersten Bibeln, durch die Inquisition 1536 in Antwerpen den Feuertod.

In Südwestdeutschland hat sich, wie der Stuttgarter Fund beweist, ein weiteres Exemplar erhalten, das nicht nur einen bemerkenswerten Einband hat, sondern auch ein Titelblatt, dessen Aussehen und Wortlaut seither der Nachwelt unbekannt war. Der Holzschnittrahmen weist eindeutig auf die Werkstatt von Peter Schöffer in Worms. Der Text des Titels ist bemerkenswert.

Es heißt auf Englisch (in heutiger Orthographie): "The New Testament as it was written and caused to be written by them which heard it. To whom also our saviour Christ Jesus commanded that they should preach it unto all creatures." - (Deutsch: "Das Neue Testament wie es geschrieben wurde und wie es diejenigen schreiben ließen, die es gehört haben, denen auch unser Heiland Christus Jesus auftrug, daß sie es predigen sollten aller Welt."
Tyndale beruft sich auf seine Übersetzung aus dem von Erasmus von Rotterdam herausgegebenen griechischen Grundtextes ("as it was written") und bedeutet, daß er, indem er dem Missionsbefehl folgt, den Text so wiedergibt, wie ihn die inspirierten Apostel aufschreiben ließen. Dabei stellte er sich - wie vormals Luther - gegen den kirchlich sanktionierten Text der lateinischen Vulgata.

Details zur Geschichte des Stuttgarter Exemplars

1. Wie der leider stark beschädigte Einband mit der eingeprägten Jahreszahl 1550 und dem Porträt des Pfalzgrafen Ottheinrich I. (1502-1559) von Pfalz-Neuburg zeigt, war das Buch mindestens seit dem Jahr 1550 im Besitz der pfälzischen Fürsten und gehörte vielleicht anfänglich zu den Beständen, die später in Heidelberg als Bibliotheca Palatina Weltruf genossen. 1623 wurde diese berühmte Bibliothek als Kriegsbeute während des Dreißigjährigen Krieges nach Rom in die Vatikanische Bibliothek gebracht. Das Tyndale-Testament mußte demnach vorher einen anderen Besitzer gefunden haben.

2. Mindestens im 18. Jahrhundert war das Buch in der Bibliothek der Zisterzienserabtei Schöntal/Jagst beheimatet. Ein handschriftlicher Eintrag auf dem Titelblatt weist darauf hin: "Monasterii Beatae Mariae Virginis in Schönthal" (= "gehört dem Kloster zur Seligen Jungfrau Maria in Schöntal"). 1802 wurde Schöntal als erstes Kloster aufgehoben und gelangte in württembergischen Besitz. Der größte Teil der Bibliothek kam, wie das auch bei anderen neuwürttembergischen Klöstern infolge der Säkularisation der Fall war, an die Landesbibliothek nach Stuttgart, und zwar im Fall Schöntal erst 1810/11. Vorher waren die Schöntaler Bücher in Ellwangen zwischengelagert worden.

3. Vermutlich wegen des fürstlichen Einbandes übernahm Knig Friedrich I. das seltsame englische Neue Testament in seine Königliche (private) Handbibliothek.

4. Im 19. Jahrhundert besuchten zwei englische Bücherliebhaber die Stuttgarter Bibliothek und damit die Bibelsammlung, die auch in London großes Ansehen genießt. Und zweimal entzog sich das merkwürdige Buch der Einsichtnahme durch die englischen Besucher. Einmal, 1818, waren die Bücherkisten aus Schöntal noch nicht ausgepackt, weil die Bibliothek keinen Stellplatz für das Säkulariasationsgut hatte; das andere Mal, in der Mitte des Jahrhunderts, war das Buch gar nicht mehr in Stuttgart vorhanden: König Wilhelm I. gründete in Tübingen für die neuwürttembergischen Katholiken eine Katholisch-Theologische Fakultät, die seither im "Wilhelmsstift" ihr Unterkommen hatte. Da dort theologische Bücher gebraucht wurden, gab er 1822 kurzerhand die theologischen Werke aus der Königlichen Handbibliothek zur Benutzung "unter Vorbehalt des Eigentumsrechts" nach Tübingen, wo sie zum Teil heute noch sind.

5. Im Jahr 1935 wurde vertraglich zwischen der Katholischen Kirche und dem Land Württemberg im Rahmen eindeutiger Eigentumsverhältnisse an der Universität vereinbart, daß alle für den Studiengebrauch nicht benötigten wertvollen Bücher an die Landesbibliothek nach Stuttgart überführt werden sollten. Darunter war auch der kostbare Ottheinrich-Band mit dem Tyndale-Testament.

6. Und in Stuttgart haben die Bibliothekare das Buch "ohne Ort und ohne Jahr" nur grob dem Jahr 1550 zugeordnet, wie es auf dem Einband eingeprägt ist, da sie sich vermutlich nicht vorstellen konnten, die Rarität in dem erwähnten gedruckten englischen Katalog beim Eintrag von 1525/26 suchen zu müssen. Unter 1550 ist das Tyndale-Testament seither im Bücherregal stehen geblieben, bis man es einer genauen Einsicht unterziehen mußte. Das hat nun zu einem glücklichen Ergebnis geführt. Es findet nun ständig Beachtung.

Eberhard Zwink

 

Literatur

Eberhard Zwink: Detektivarbeit in der Landesbibliothek : spektakulärer Bibelfund [Tyndale New Testament 1526]. - In: forschung : Mitteilungen der DFG. 1997, 2-3, S. 34-37.

Ders.: Detective work in the State Library : spectacular Bible find [Tyndale New Testament 1526]. - In: German Research : Reports of the DFG. 1997, 2-3, S. 41-44.

Ders.: Verwirrspiel um eine Bibel : die Entdeckung des einzigen vollständigen Exemplars des Erstdrucks von William Tyndale's New Testament 1526 in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. [Vorträge in Stuttgart, Karlsruhe und Worms].
Volltextversion

Ders.: Confusion about Tyndale : the Stuttgart copy of the 1526 New Testament in English. In: Reformation. Oxford : The Tyndale Society 3 (1998), S. 28-48. [Vortrag vor der Tyndale Society London und in der Folger Shakespeare Library Washington]

Margret Popp: The Green Horse or Was Tyndale's Bible Translation an Independent Humanistic Achievement?. In: Anglistentag 1998 Erfurt. Proceedings edited by Fritz-Wilhelm Neumann and Sabine Schülting. - Trier : Wissenschaftlicher Verlag, 1999. - S. 137-157.

Margret Popp und Eberhard Zwink: Der englische Reformator William Tyndale und sein Neues Testament: Das Stuttgarter Exemplar.
1. William Tyndales Leben und Werk. Von Margret Popp.
2. Entdeckung und Vorgeschichte des einzigen vollständigen Exemplars von William Tyndales New Testament 1526 in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Von Eberhard Zwink.
3. Tyndale und Luther: ein Bericht. Von Margret Popp.
In: Philobiblon. Stuttgart. 45.2001,4. - S. 275-324.

Tyndale's Testament : [catalogue of a major exhibition held in the UNESCO-listed Museum Plantin-Moretus in Antwerp, 3 September to 1 December 2002] / ed. by Paul Arblaster ; Gergely Juhász ; Guido Latré. Turnhout : Brepols. 2002. - 195 S.                                                                                                             Darin besonders: Nr. 57. Das Newe Testament Deutzsch. Wittenberg 1524. - S. 116 f. / Gergely Juhász. - Nr. 92. The newe Testament as it was written. Worms 1526. - S. 148f. / Guido Latré.

Arne Dembek: William Tyndale (1491-1536) : reformatorische Theologie als kontextuelle Schriftauslegung. - Tübingen : Mohr Siebeck, 2010. - XVII, 508 S. (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation ; 50)                                          Darin: Kap. 2: Ein Neues Testament für England - Übersetzung und Vorreden (1525/1526). - S. 54-93.

¹ Zum kirchenrechtlichen Hintergrund: Im Codex Iuris Canonici verbietet der Canon 1391 (neu § 825 von 1983) grundsätzlich die Verbreitung von Übersetzungen der Heiligen Schrift in Volkssprachen, wenn sie nicht unter der Aufsicht des zuständigen Bischofs stehen und die Ausgabe nicht von Kommentaren der Kirchenväter und gelehrter katholischer Autoren begleitet wird. In England war dies durch die Oxford Constitution von 1408 bekräftigt worden.

 


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