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Die Stuttgarter Gutenberg-Bibel

1978 erworben in New York

Die 42-zeilige Bibel, die weder Drucker noch Ort und Jahr nennt, hat die Forschung seit langem beschäftigt. Viele Probleme, die dabei zutage traten, konnten bis heute nur annähernd gelöst werden. Schon die Conrad Saspach zugeschriebene Einrichtung der Werkstatt in Mainz mit den Setzkästen, Tischen, Regalen und den (sechs?) Pressen erforderte unternehmerisches Geschick und sorgfältige Disposition. Die tägliche Arbeitsaufteilung für die sechs Setzer und zwei Drucker war wohl Gutenbergs Aufgabe.

Gutenbergs Schrift, die Type der 42-zeiligen Bibel, ist 4,2 mm hoch, die Ober-bzw. Unterlängen benötigen 2 bzw. 1 mm. Der Setzer hatte 280 verschiedene Zeichen zu unterscheiden. Die "Anschlußbuchstaben" waren entstanden, weil Gutenberg glaubte, die Gewohnheiten der Schreiber, die wegen der Arbeitsbeschleunigung mehrere Buchstaben in einen Federstrich zusammen-faßten, nachahmen zu müssen. Gedruckt wurde jeweils nur eine Seite; ca. 2600 Buchstaben waren dafür nötig. Während dieser Zeit wurde der Satz der vorangegangenen Seite wieder auseinandergenommen, um für die kommende Seite wieder neu zusammengesetzt werden zu können.Die in zwei Bänden (Genesis - Psalmen; Buch der Sprichwörter - Offenbarung des Johannes) gebundene "Stuttgarter Gutenbergbibel", die einst zeitweise in Offenburg beheimatet war, stellt ein bis auf eine Seite vollständig erhaltenes Papierexemplar dar. Die 42 Zeilen, die der Bibel den Namen geben, wurden nicht durchgängig von der ersten Seite an gedruckt, vielmehr mischen sich 40, 41 und dann endgültig 42 Zeilen. Unsere Bibel wurde auf Papier, nicht auf Pergament gedruckt - eine Erleichterung, wenn man bedenkt, wie schwer sich Pergament bedrucken läßt.

Das in seiner Qualität vorzüglich erhaltene Exemplar weist einen "echten" Fehler auf: eine Seite wurde doppelt abgezogen und gedruckt (woraus folgert, daß eine Seite fehlen muß). Somit entfällt in der fehlerhaften "zweiten" Seite der zu erwartende Text des Kolosserbriefes, der bei Kap. 1, 28 abbricht und erst wieder mit Kap. 4,11 fortfährt. Der falsche Abzug, der diesen Textausfall bewirkte, wurde nicht mehr rubriziert; an der Stelle der Überschnft vor der ersten Initiale findet sich ein kleiner mit Tinte geschriebener Vermerk "non scribe". Diese Aufforderung, hier an dieser Stelle nichts zu schreiben, galt dem Rubrikator, der die Aufgabe hatte, das fertige Exemplar mit den notwendigen "Rötungen" auszustatten. Gutenberg kannte ja nur den Schwarz-Weiß-Druck, so daß dieser Mitarbeiter von Hand die vielen Rot-Teile (meist Überschriften) einzufügen hatte.
Diese Rubrizierung ist nicht mit großer Sorgfalt ausgeführt. Manchmal fallen Buch- und Kapitelangaben weg. Mit den römischen Zahlen hatte der Rubrikator seine Schwierigkeiten; sind sie ihm zu lang oder zu unklar, so setzt er die leichter verständliche arabische Notierung dazu. Die Seitentitel (oberer Rand) führt er in einer kunstvollen Missalschrift aus. Diese Schrift für großformatige Meßbücher scheint seine Spezialität gewesen zu sein, hier fühlt er sich zu Hause (wahrscheinlich war der Rubrikator ein Geistlicher). Mit den Psalmen am Ende des ersten Bandes setzt die Rubrizierung (auch bei den Seitentiteln) vorübergehend aus, dafür wird jeder Versbeginn der einzelnen Psalmen alternierend blau und rot markiert.

Die optische Freude vieler Handschriftenbenutzer an "schönen" Miniaturen wird in dieser 42-zeiligen Bibel natürlich gedämpft, denn eine Buchillumination konnte nur über einen Buchmaler wieder in der Handschrift erfolgen. Ein solcher "Künstler" war jedoch teuer. Unser (unbekannter) Erst-Käufer, wahrscheinlich in oder um Mainz beheimatet, gab nicht viel Geld dafür aus, denn die Initialen (Lombarden) reichen von der einfachsten Farbgebung bis zu den buntesten Farbkombinationen, manche sind mit Farbgold angereichert, Miniaturen aber fehlen. Größere Initialen, manche mit Farbhintergrund "gefüllt", gehen nicht allen, aber vielen biblischen Büchern voraus. Die einzige Illustration finden wir zum Beginn der Genesis: eine Tierdarstellung (Esel oder Reh?), die mit der Karte G 18 des "Mainzer Meisters der Spielkarten" nahe verwandt ist. Das heißt mit anderen Worten: die Illustration dieser Seite erfolgte wohl in Mainz.
In den Initialen entdeckt man Spuren der Besitzgeschichte. Bisher wußte man lediglich, daß dieses Exemplar der Gutenbergbibel einmal in Offenburg gewesen sein muß. Auf der ersten Seite des ersten Bandes steht, kaum noch leserlich, ,,Ecclesia . . . Offenburgensis". Irgendwann einmal muß die Bibel der Heiligkreuzkirche gehört haben, denn eine andere Kirche in der Stadt scheidet sicher aus. Nur große Kirchen mit einem entsprechenden finanziellen "Polster" konnten an die Anschaffung dieses teuren Buches denken.
Sicher sind nur die Einträge in den Initialen, die ohne jegliche Scheu vor dem "alten Buch" im Zeitraum von 1594 bis 1613 angebracht wurden. Soweit sie noch leserlich sind - eine spätere Hand versuchte sie teilweise zu tilgen - weisen sie auf "Choralisten" in Offenburg. Ein Beispiel: Michael Regesler nennt sich mit oder ohne Jahresangabe 1604 fünfmal (am Beginn von Numeri, Josua, 2. Chronik, Apostelgeschichte und Galaterbrief).

Hier die noch entzifferbaren Namen: Angst, Leonhard (von Altkirch) 1604; Beck, Christmann und Franz 1601 bzw. 1608; Bismoer (?), Johann Paul 159. ; Blank, Hieronymus; Delsche (?), Gabriel 1605; Greim, Johann Chrysostomus; Groß, Martin 1604; Laister, Franz 1608; Regesler, Michael 1608; Scher, Wilhelm 1596; Senapis, Claude Monte de 1603; Siber, Bernhard und Siber, Ulrich 1601/2 bzw. 1594; Spizmoser, Christian 1613 und Stader, Georg aus Überlingen 1594. Manchmal fügen die Schreiber bei: "Choralista zu Offenburg". Nimmt man die Bezeichnung wörtlich, so sind zum Chor gehörige Personen angesprochen. Doch was war damals der "Chor"? Sind es Chorvikare, die in ihrer Berufslaufbahn nach kurzem Aufenthalt wieder versetzt wurden? Oder handelt es sich um Laien, die in einer Art "Schola" zur musikalischen Bereicherung des Chorgesangs tätig waren?
Nachgewiesen wurde z. B., daß Ulrich Siber Hafner und Kachelofensetzer in Offenburg war und oft zum Vormund für Waisen und Witwen bestimmt wurde. Konnte er mit derart feiner Hand den kalligraphisch schönsten Eintrag in dem Exemplar anbringen? Wer sagt nicht, daß es ein geistlicher Sohn oder Verwandter war? Hier steht noch ein weites Feld auch für die Offenburger Lokalgeschichtsforschung offen.
Wann die Bibel Offenburg wieder verlassen hat, weiß man nicht. 1689 wurde die Stadt von den Franzosen eingenommen und geplündert - wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt fand ein Besitzwechsel auf gewaltsamer Basis statt. Das ganze 18. Jahrhundert bleibt für die Überlieferung dunkel, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehen wir klarer. Damals wurden in London die beiden Bände in königlich anmutende Saffian-Prachteinbände mit üppiger Goldverzierung gleichsam verwandelt. Sie waren damals in den Händen des englischen Privatsammlers Sir John Thorold (gest. 1815) auf Syston Park (Lincolnshire). Er nahm auch den starken Papierverlust an den Rändern der Bibel in Kauf, als er die Anbringung eines Goldschnitts wünschte. Thorolds Sohn John Hayford (gest. 1831) übernahm die Sammlung des Vaters; sie wurde nach seinem Tod im Auktionshaus Sotheby in London versteigert. Jetzt verwischen sich die Spuren für ein halbes Jahrhundert, denn erst 1884 läßt sich der Ankauf der beiden Bände durch den Londoner Antiquar Bernard Quaritsch belegen. Sie gelangten über Rev. William Makellar in Edinburgh schließlich an Rev. Eugene Augustus Hoffmann, Dekan des General Theological Seminary in New York.

Am 7. April 1978 wurde die Bibel vom Land Baden-Württemberg durch den Antiquar Bernd. H. Breslauer bei Christie's in New York zu einem Preis von ca. 4 Millionen DM  ersteigert.

Ursprünglicher Text: Dr. Wolfgang Irtenkauf 1979

Die Gutenbergbibel in Meersburg

Zur Einweihung der neu errichteten Bibelgalerie Meersburg wurde im Jahr 1988 Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker die Stuttgarter Gutenbergbibel präsentiert.                    Erinnerungsbilder

Im Sommer 2011 - vom 20. August bis 09. Oktober - ist im Rahmen der dreiteiligen Ausstellung "Von Gutenberg bis Luther" die Stuttgarter 42zeilige Bibel wieder in Meersburg zu sehen.

Die Gutenbergbibel als Objekt stiller Aktionskunst

Bilderfolge aus einer Szene mit dem Stuttgarter Aktionskünstler Edgar Harwardt

 

Links zu anderen Gutenberg-Bibel-Ausgaben und Digitalisierungsprojekten

 


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