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Bestand

Den Grundstock für die große Bibelsammlung legte der Bibliotheksgründer Herzog Karl Eugen von Württemberg. Im Jahr 1784 erwarb er auf einer Reise nach Kopenhagen von dem dortigen Pastor an der deutschen Friedrichskirche, Josias Lorck, mehr als 5000 Bibeln und bibelähnliche Werke. In des Herzogs Tagebuch liest man: "Dieser Zuwachs vor meine öffentliche Büchersammlung freuet mich umso mehrers, als dieße Sammlung einzig und wohl die stärkste, wo nicht in Europa, doch gewiß in Teutschland ist"

Zwei Jahre später erstand Karl Eugen die kleinere, aber wohl wertvollste Privatsammlung, die des Nürnberger Predigers und Bibliographen Georg Wolfgang Panzer. Nach einer wohl mündlichen Quelle ließ sich der Herzog gleich nach der Ankunft das Pergamentexemplar der Nürnberger Luther-Bibel bei Peypus 1524 (Bb deutsch 1524 07) in den Gasthof bringen.

Im folgenden 19. Jahrhundert wuchs trotz des meist unzureichenden Erwerbungsetats die Sammlung sprunghaft an. Die Säkularisation der neuwürttembergischen Klöster brachte besonders im Fach Theologie und so auch bei den Bibeln gewaltigen Zuwachs. Die nach längeren Auseinandersetzungen schließlich nach Stuttgart gelangte Gelehrtenbibliothek des Tübinger Kanzlers Christian Friedrich Schnurrer enthielt einige wertvolle Bibeldrucke in hebräischer und griechischer Sprache.

Im 20. Jahrhundert gelangten im Zusammenhang mit den Bemühungen, kirchlichen und staatlichen Besitz abzugrenzen, etwa 270, meist lateinische und deutsche katholische, ferner auch griechische, englische und französische Bibeln vom Tübinger Wilhelmsstift an die Landesbibliothek in Stuttgart.

Das Pflichtexemplarrecht der Landesbibliothek brachte und bringt besonders der Bibelsammlung außerordentliche Bereicherung. Die Sammlung dokumentiert somit die einzigartige Druck- und Textgeschichte der Bibel in Südwestdeutschland, wie sie nur noch mit London zu vergleichen ist. Neben den katholischen hier im Lande ansässigen Verlagen und dem Katholischen Bibelwerk gebührt vor allem der 1812 gegründeten Württembergischen Bibelanstalt, heute Deutsche Bibelgesellschaft, besondere Aufmerksamkeit. Sie hat nicht nur in der Zeit zahlreich entstandener Landesbibelgesellschaften die wichtigsten Lutherbibel-Ausgaben und deren Revisionen gedruckt, sondern bekam schließlich auch die Rechte für die wissenschaftlichen Grundtextausgaben, wie der Biblia Hebraica Stuttgartensia und des Novum Testamentum Graece, herausgegeben von Nestle-Aland. (Übrigens befindet sich der Nachlaß von Eberhard und Erwin Nestle, soweit er die Edition des griechischen Neuen Testaments anbelangt, ebenfalls in der Landesbibliothek.) Hinzu kommt, daß von 1974 bis 1989 die United Bible Societies (Weltbund der Bibelgesellschaften) ihr Generalsekretariat in Stuttgart hatten, wodurch Belegexemplare des weltweiten Bibeldrucks für die Missionsländer und Jungen Kirchen in die Bibelsammlung gelangten.

Seit etwa 1980 weist der interne Erwerbungsetat der Bibliothek einen Sondertitel für den Kauf von Bibeldrucken aus. So kann mit Pflicht- und Kauferwerbungen die Sammlung um jährlich mehrere hundert Stücke vermehrt werden.

Trotz aller Anstrengungen, Neuerscheinungen auf dem nicht mehr übersehbaren Feld von modernen Übersetzungen der europäischen Sprachen, Revisionen der traditionellen Texte (z. B. der Luther-Bibel) und der Erstübersetzungen für außereuropäische Länder in möglichster Geschlossenheit zu erwerben, liegt der eigentliche Wert der Sammlung auf den Drucken der frühen Neuzeit, die durch antiquarische Ankäufe gleichfalls vermehrt werden. Hatte man zweihundert Jahre lang auf das Spitzenstück des Buch- und Bibeldrucks, die Gutenberg-Bibel von 1454/55 verzichten müssen, so gelang es der Bibliothek mit großzügiger Unterstützung des Landesregierung im Jahr 1978, ein Auktionsexemplar in New York zu ersteigern. Die Gutenberg-Bibel, die zuletzt dem General Theological Seminary in New York gehört hatte, war nachweislich um 1600 in Besitz und Gebrauch der Heiligkreuzkirche in Offenburg gewesen.

Mit dieser einmaligen Erwerbung füllte sich die Reihe der lateinischen Bibelinkunabeln von vorne her vollständig auf, und es fehlen von den folgenden Drucken bis 1500 nur etwa 20 bis 30 Prozent. Vollständig und einmalig in der Welt ist die Folge der 14 oberdeutschen und 4 niederdeutschen vorreformatorischen Frühneuhochdeutschen Bibeldrucke. Dabei sind vor allem die erste deutsche Bibel, gedruckt von Johannes Mentelin in Straßburg 1466, und die neunte deutsche Bibel von Anton
Koberger in Nürnberg 1483, die in einem besonders kunstvoll kolorierten Exemplar vorhanden ist, ferner die beiden Ausgaben der Kölner Bibel in niederrheinischer bzw. niedersächsischer Sprache zu nennen.

Drucke mit Luthers so folgenreicher Bibelverdeutschung sind, was die Erscheinungsjahre bis Luthers Tod 1546 anbelangt, nahezu lückenlos in der Stuttgarter Sammlung. Von den Exemplaren der Ausgabe letzter Hand (1545) ist auf besonders wertvolles Exemplar mit zahlreichen Widmungseinträgen hinzuweisen, die von Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Georg Maior und Sebastian Kugler stammen. Der Eintrag mit dem Namen und den Schriftzügen Martin Luthers ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Kopie.

Auch von den katholischen Übersetzungen der Gegenreformation von H. Emser, J. Dietenberger und J. Eck, später auch der Revision von Kaspar Ulenberg sind mindestens aus dem 16. und 17. Jahrhundert alle Ausgaben vorhanden.

Die großen Folioausgaben der lutherischen Orthodoxie, wie sie in Wittenberg, Frankfurt, Lüneburg und Nürnberg (Druckerei Endter) bis ins 18. Jahrhundert erschienen, stehen neben den als Gebrauchs- und Volksbibeln gedachten kleineren Lutherbibeln des Pietismus, die den Vätern der neuen Frömmigkeit Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke sowie dem Initiator der ersten Bibelanstalt Baron Hildebrand von Canstein zu verdanken sind. Die separatistisch-spiritualistische Richtung brachte zahlreiche Bibeln im frühen 18. Jahrhundert hervor: die Ausgaben von Graf Nikolaus von Zinzendorf, Heinrich Horche in Marburg oder die Berleburger Bibel. Die Schwaben Johann Albrecht Bengel, Johann Kayser und Philipp Matthäus Hahn sind selbstverständlich mit ihren eigenen Übersetzungen präsent.

Was für den Reichtum an lateinischen Bibeln durch die Säkularisation angedeutet wurde, gilt auch für die vielsprachigen Drucke, die Polyglotten und die Ausgaben in den Ursprachen. Ein schönes Exemplar der Complutenser Polyglotte von 1514 ff. steht am Anfang einer im 17. Jahrhundert abbrechenden Tradition des vergleichenden Bibeldrucks, der kulminiert in der Londoner Polyglotte von Brian Walton, wo bis zu 14 Paralleltexte nebeneinander gedruckt geboten werden.

Im Hebräischen bestechen die drucktechnisch raffinierten Rabbinerbibeln, mit ihren zahlreichen den masoretischen Text umspielenden Kommentaren. Im Griechischen überragen im 16. Jahrhundert die kommentierten und ins Lateinische übersetzten Urtexteditionen des Neuen Testaments von Erasmus von Rotterdam von 1516 an. Sie waren nicht nur Vorlage für Luthers Übersetzung und auch die anderen volkssprachigen Übertragungen der anderen europäischen Sprachen, sondern vordem überhaupt Anstoß, in humanistisch-reformatorischem Sinne von der lateinischen Vulgata weg aus den Grundtexten in die lebenden Sprachen zu übersetzen.

Reichlich sind die europäischen Sprachen vertreten, nicht so stark natürlich wie das Deutsche und die Ursprachen nebst dem Lateinischen. Besonders die englischen, niederländischen und dänischen, auch die schwedischen Drucke sind zahlreich, hatte der Vorbesitzer Lorck in Kopenhagen eben zum west- und nordeuropäischen Bereich eher seine Beziehungen. Besonders erwähnenswert sind die mit bewundernswerter Könnerschaft gedruckten Ausgaben der frühchristlichen und überhaupt semitischen Sprachen mit ihren nichtlateinischen Alphabeten, wie das Äthiopische, Armenische, Arabische, Georgische, Koptische, Samaritanische und Syrische. Daneben findet man dann die süd- und ostasiatischen, ferner die vielen afrikanischen und auch die indianischen Sprachen und Dialekte.

Neben den reinen Textausgaben zählt die Stuttgarter Bibelsammlung einige Tausend Bände von Bibeln, die mehr oder weniger reich und wertvoll illustriert sind. Die anonymen Holzschnitte etwa der vorlutherischen Drucke stehen am Anfang. Die namhaften Holzschneider der Rennaissance, wie Albrecht Dürer, Urs Graf, Lukas Cranach, Hans Schäuffelin, Hans Holbein, Hans Baldung Grien, Hans Brosamer, Georg Lemberger, Virgil Solis u.v.a.m. haben ebenso Bildfolgen für die Bibel geschnitten, wie sie dann später Matthäus Merian, Ulrich Kraus, Christoph Weigel und andere "Gebrauchgraphiker" in Kupfer gestochen haben. Kupferstich und Lithographie eröffneten die Möglichkeit, Fresken und Ölgemälde zu reproduzieren und gedruckte Bibeln damit zu illustrieren, so etwa von Rembrandt und Peter Paul Rubens. Im 19. Jahrhundert beherrschen zwei namhafte Künstler das Feld: Gustave Doré mit seinen großformatigen Holzstichen und Julius Schnorr von Carolsfeld mit seinen kraftvollen Linienholzschnitten. Beider Tradition wirkt bis heute nach, wie zahlreiche Nachdrucke in der Sammlung beweisen.

 


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Letzte Änderung: 29.01.2015   © 2007 WLB
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