English | Home | A-Z | Sitemap | Suche | Kontakt | Impressum
 
>Württembergische Landesbibliothek>Sammlungen>Bibeln>Bestand>Kostbarkeiten>Merian-Bibel 1630
 

Merian-Bibel 1630

M. Merian 1630: Racheengel

Die HANDKOLORIERTE MERIAN-BIBEL von 1630

- Neues Testament -

in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart

Im Jahr 1630 erschien in Straßburg bei dem Verleger Lazarus Zetzner eine groß angelegte Lutherbibel, in der zum ersten Mal die berühmten Kupferstiche von Matthäus Merian d. Ä. in den zweispaltig gesetzten Text eingefügt wurden. Merian hatte 1625 seine "Icones Biblicae" als Separatausgabe im Querformat herausgebracht. In den folgenden Jahren wurde die Zahl der Bilder erweitert, und zwar auf 157 Kupferstiche zum Alten und 77 Kupferstiche zum Neuen Testament. Hinzu kommen nun in dieser Folioausgabe drei eigene gestochene Titelblätter (Kupfertitel).

Die Württembergische Landesbibliothek besitzt von dieser Erstausgabe zwei Exemplare: das erste ist in einem Band gebunden, auf mehreren Seiten sind an den Rändern biblische Figuren von Hand gezeichnet und koloriert worden.

Weitaus wertvoller und interessanter ist das zweite Exemplar, das ursprünglich aus drei Pergamentbänden bestand, wovon der erste Band (1. Mose bis Hohes Lied) schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr auffindbar ist. Die Kupferstiche dieses verlorenen Bandes waren vermutlich genauso kunstvoll handkoloriert wie die des noch vorhandenen dritten Bandes, des Neuen Testaments.


Neben diesem Stuttgarter Exemplar gibt es nur noch zwei weitere handkolorierte Stücke:

1. eine Vollbibel in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Sie wurde mehrmals auf einfache Art reproduziert:

Die Bibel : die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der dt. Übers. Martin Luthers. Mit den Kupferstichen von Matthaeus Merian. - Rev. Text [d.Ausg.] 1959-1964. - Wiesbaden : Panorama-Verl., 1983. - 433 909, 283 S.
Andere Ausgabe: Stuttgart : Europ. Bildungsgemeinschaft, [1983]. 

Die Bibel : d. farbigen Merian-Bilder zur Bibel. - Dreieich : Weiss ; Eltville am Rhein : Bechtermünz, 1988. - 255 S.

2. Ein weiteres Exemplar befindet sich nach einer Berliner Auktion 1990 in in Privatbesitz. Von ihm kann nur die Fotografie des Titelblattes gezeigt werden.


Das Stuttgarter Exemplar

Im Gegensatz zu dem Frankfurter und dem unbekannt verbliebenen Exemplar ist die Stuttgarter Merian-Bibel mit hellen, leuchtenden Pastellfarben ausgemalt, so dass der Charakter des Kupferstichs mit seinen durch feine Linien erzeugten Schattierungen ganz zurückgedrängt wird. 

Im Jahr 1985 hat der Verlag Müller und Schindler in Stuttgart im Auftrag des Coron-Verlages Zürich ein Faksimile vom dritten Band, also dem Neuen Testament, herstellen lassen, dessen Auflage ziemlich schnell verkauft war. Ohne Rücksprache mit der Württembergischen Landesbibliothek hat in den Folgejahren (mehrmals in den 90er Jahren, zuletzt mindestens 2001) der Coron-Verlag weitere Auflagen hergestellt, was für Faksimile-Ausgaben unüblich ist. Dadurch wurde der Wert des einzelnen Faksimile-Exemplars beträchtlich vermindert.

Das Faksimile wird von eloquenten Agenten des heute "inmediaONE]" genannten Unternehmens derzeit an der Haustüre für beinahe € 1.700.- angeboten.

Nach Online-Recherchen waren am Stichtag 20. Januar 2012 vom Faksimile des Neuen Testaments (Original WLB Stuttgart) allein im deutschen Antiquariatshandel mindestens 55 Exemplare vorrätig, zu Preisen von € 119 bis € 909, zu einem Durchschnittspreis von € 327 bzw. zu einem Zentralwert von € 300.

Teilweise wird der Begleitband von Stefan Strohm (s. u.) mitgeliefert; er ist im Antiquariat auch einzeln erhältlich. 

Die folgenden Sätze sind nachformulierte Aussagen von Käufern, die mit dem Preis und den Verkaufsmethoden nicht einverstanden waren und mit der Württembergischen Landesbibliothek Kontakt aufgenommen haben.

Eine anscheinend von den Verkaufsvertretern aufgestellte Behauptung, die Stuttgarter Merian-Bibel sei "von den Amerikanern nach dem 2. Weltkrieg als Kriegsbeute entführt und von Ministerpräsident Lothar Späth für DEM 11 Mio. wieder zurückgekauft" worden, ist in jeder Beziehung haltlos, falsch, und hinsichtlich des Preises maßlos übertreiben.
Diese Legende mag ihren wahren Kern in der Geschichte des Erwerbs der Stuttgarter Gutenbergbibel haben.
Das Original der Merian-Bibel wurde, als es zur Faksimilerung 1984 aus dem Hause gegeben werden musste, mit DEM 50.000 versichert!

Ferner kann es vorkommen, dass die Haustüragenten den potentiellen Käufern nicht einmal ein Exemplar zur Ansicht vorlegen, sondern nur ein farbiges Blatt, mit der Begründung, die Bibel sei zu schwer. Die Leute würden sich um so mehr freuen, wenn dann die vollständige Bibel ins Haus komme.Nun verlautet von Käufern, dass sie nicht einmal den Werbeflyer hätten behalten dürfen! Übrigens wird gewöhnlich die Lieferfrist lange hinausgezögert, damit die Käufer keinerlei Rücktrittsmöglichkeiten mehr haben.Inzwischen haben einige Käufer auf gerichtlichem Wege die Auflösung des Kaufvertrages erstreiten können Hinzukommt, dass diese Internetseite dem Coron-Verlag inzwischen bekannt ist, weshalb die Agenten teilweise den Käufern weis machen wollen, der Autor dieser Zeilen sei inkompetent, vielleicht sogar ein "Lügner".

Das ist Einschätzungssache. Er ist in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart - objektiv - Leiter der Abteilung "Historische Sammlungen" und seit über 30 Jahren u.a. Fachreferent für Theologie sowie Verantwortlicher für eine der größten Bibelsammlungen der Welt.

Der Einführunsgtext aus der Werbung von "inmediaONE]" und die darin enthaltenen sachlichen Falschheiten werfen ein weiteres Licht auf die Seriosität des Unternehmens: Es heißt dort (Zugriff 28. Juni 2007):
"Die Bibel zum Gegenstand der Faksimilierung zu machen ist naheliegend, gibt es doch kaum ein anderes Werk solch großer Bedeutung. inmediaONE] hat mit dem Neuen Testament sowie dem so genannten Pentateuch, er umfasst die fünf Bücher Moses und das Buch Josua, gleich zwei herausragende alte Bibel-Handschriften aus der Werkstatt Matthäus Merians faksimilieren lassen."
1. Das griechische Wort "Pentateuch" bedeutet, wie sein Name sagt, die "Fünf" Bücher Mose. Das Buch Josua gehört nicht dazu. Will man Pentateuch und Josua als Einheit sehen, so spricht man vom "Hexateuch".
2. Aus der Werkstatt von Matthäus Merian kommen keine Bibelhandschriften, das ist völliger Unsinn. Merian, der große Kupferstecher verfertigte Kupferstiche als Illustrationen zur ganzen Bibel. Lazurus Zetzners Erben haben in Straßburg 1630 eine Lutherbibel gedruckt (!) und in den Drucktext die Kupferstiche Merians eingefügt. In wenigen erhaltenen Exemplaren sind die Kupfer individuell koloriert. Solche Originale sind im Auftrag des CORON-Verlags faksimiliert worden.
Mit dem unzutreffenden Begriff "Handschrift" sollen Wert und Alter der Originale angepriesen werden. Man könnte auch unterstellen, dass Beschäftigte in einem Verlag, der Faksimiles vertreibt, nicht zwischen Handschrift und Druck unterscheiden können.

Die Verkaufsmethoden des Verlages wurden bereits Gegenstand einer im Internet zugänglichen Satire.

Die hier kritisierte Vermarktung von kulturellem Gut mindert die Qualität des Originals keineswegs.

Interessant ist auch die Sicht der Verkaufsagentenund ihre Stellung innerhalb des Unternehmens.
 

Noch ein Wort zum Begriff "Faksimile"

Es handelt sich bei dem "Faksimile" des Neuen Testaments aus dem Besitz der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart nicht um ein sog. "Vollfaksimile", das lohnt sich bei einem Druck nur selten, sondern um einen faksimileartigen Reprint, der 1984/85 im Einvernehmen mit der besitzenden Bibliothek folgendermaßen hergestellt wurde:
Man hat 8 Seiten unbedrucktes, unbeschriebenes Papier der Zeit fotografiert und Druckvorlagen für zwei Bogen = acht Seiten hergestellt. Damit wurde das Papier der "Faksimile-Ausgabe" bedruckt. Es wiederholt sich also alle acht Seiten die Papierstruktur mit allen individuellen Merkmalen, Verfärbungen, Flecken etc. Nur die Druckschrift und die kolorierten Bilder wurden im engeren Sinne faksimiliert und auf die vorbereiteten Bogen gedruckt. Jedes andere Verfahren wäre sinnlos teuer geworden und hätte keinen Nutzen gehabt. Aus diesem Grunde ist das Merian -"Faksimile" nicht mit demjenigen einer Prachthandschrift zu vergleichen, insbesondere nicht, was den Verkaufspreis anbelangt. 

Zudem erübrigt sich nach dem Druck jede Art von Handarbeit, z.B. gibt es keine zusätzliche Vergoldung!

Die Farbigkeit der beiden Exemplare im Vergleich ...

Zur Illustrationsgeschichte und zum theologischen Hintergrund der Luther-Bibel von 1630 erschien als Begleitbuch der Faksimileausgabe folgender Titel:

Stefan Strohm: Die Kupferbibel Matthäus Merians von 1630. - Stuttgart : Müller & Schindler, 1985. - 83, 7 S.

Eberhard Zwink

 


Öffnungszeiten

Lesesaal Alte und Wertvolle Drucke:
Mo-Fr: 10-17 Uhr
Sa: 9-13 Uhr

Schließungstage s. Aktuelles

Kontakt



Letzte Änderung: 27.08.2012   © 2007 WLB
Württembergische Landesbibliothek - Konrad-Adenauer-Str. 8 - 70173 Stuttgart - Telefon +49 711-212-4454