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Der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek: eine Chronik

Übersicht: Chronik (2004-2013)

Herbst 2004: Erste konkrete Planungen eines Erweiterungsbaus: Bedarf und Funktionalitäten
Sommer 2005: Württembergische Bibliotheksgesellschaft finanziert Machbarkeitsstudie
März 2006: Vorstellung der Machbarkeitsstudie in der Öffentlichkeit
Juli 2006: Rechnungshof empfiehlt Erweiterungsbau für Landesbibliothek
Juni 2008: Der damalige Ministerpräsident Günther H. Oettinger verspricht Erweiterungsbau zum Jubiläum der Bibliothek 2015.
September 2008: Architekturstudenten präsentieren Entwürfe zum Erweiterungsbau
Juli bis Dezember 2010: Architektenwettbewerb (1. Runde)
Dezember 2010: Zwischenergebnis des Architektenwettbewerbs: drei zweite Plätze mit der Aufgabe, die drei Entwürfe bis April 2011 zu überarbeiten
Mai 2011: Siegerentwurf für Erweiterungsbau: „Lederer Ragnarsdóttir Oei“
August 2012: Einreichung der Bauunterlage
Oktober 2012: Erweiterungsbau wider Erwarten nicht im Doppelhaushalt 2013/14
Januar 2013: Hoffnung auf Nachtragshaushalt
Dezember 2013: Verankerung des Erweiterungsbaus im Nachtragshaushalt 2013/14

1. Bedarf und Funktionalitäten

Wesentlicher Ausgangspunkt bei den Planungen eines Erweiterungsbaus ist vor allem der akute Platzmangel, bedingt durch den hohen Zugang von jährlich ca. 70.000 Medieneinheiten, wozu insbesondere auch das Pflichtexemplargesetz seinen Anteil trägt. Vor diesem Hintergrund ergaben Berechnungen, dass die Bibliothek spätestens 2014 die Grenzen ihrer räumlichen Kapazität erreicht hat.
Des Weiteren benötigt die Bibliothek neue Benutzerarbeitsplätze. Bei den über 1.200 Besuchern, welche täglich in die Landesbibliothek kommen, sind die ca. 240 zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze bei weitem nicht ausreichend. Ein dringendes Desiderat sind vor allem die bisher fehlenden Gruppenarbeits- und Multimediaplätze. Erforderlich ist darum eine Modernisierung des Magazins sowie eine Erweiterung und Optimierung des Benutzungsbereichs zum effektiven Gebrauch von Literatur und neuen Medien. Lediglich ein modernes Freihandmagazin kann heute die erforderliche Effizienz und Leistungsfähigkeit garantieren; eine reine Magazinausleihe dagegen ist nicht mehr zeitgemäß. Insgesamt 500.000 Bände aus den aktuellen Jahrgängen soll das neue Freihandmagazin umfassen. Daneben ist eine Aufstockung der Lesesaalbestände auf 250.000 geplant, so dass künftig 750.000 Bände der häufig nachgefragten Literatur frei zugänglich sein werden.
Als ideale Fläche wurde von Anfang an die Fläche vor der Landesbibliothek favorisiert, um die Bibliothek an einem Standort zu konzentrieren. Weitere Auslagerungen erschwerten nicht nur einen schnellen Geschäftsgang, sondern wären unökonomisch, weil neue Flächen angemietet und Fahrdienste organisiert werden müssten.

2. Machbarkeitsstudie (März 2006)

Um die Plausibilität des gewünschten Raumprogramms zu prüfen, förderte die Württembergische Bibliotheksgesellschaft die Durchführung einer Machbarkeitsstudie. Beauftragt wurde im Sommer 2005 das Architekturbüro Schürmann + Schürmann, das ein gutes halbes Jahr später ein optisch und funktional ansprechendes Musterbeispiel für die Erweiterung präsentieren konnte. Diese Studie sieht einen Anbau parallel zur Konrad-Adenauer-Straße vor. Sie geht von einer Nutzfläche von ca. 6000 Quadratmetern aus; knapp 3.000 Quadratmeter sollen dabei auf ein Freihandmagazin mit 500. 000 Buch- und Zeitschriftenbänden entfallen. Hinzu kommen die erforderlichen neuen Arbeitsplätze für Nutzer, Lesebereiche, weitere Buchstellflächen und Konferenzräume.
Das Ergebnis der Studie ist ein futuristisch anmutender Glasbau, der an dieser exponierten Stelle der Kulturmeile auch die Berücksichtigung stadtplanerischer und stadtgestalterischer Gesichtspunkte mit einbezieht. Die reinen Bauwerkkosten für einen Anbau werden auf 46 Millionen Euro geschätzt.

3. Positionen Rechnungshof / Stadt Stuttgart (Sommer 2006)

Der Rechnungshof empfiehlt im Sommer 2006 nach einer umfangreichen Prüfung der Bibliothek einen Erweiterungsbau; dieser sollte aus wirtschaftlichen Gründen in unmittelbarer Nähe errichtet werden. Optimal wäre es, wenn die Außenstellen in das Hauptgebäude integriert werden könnten; der Rechnungshof sieht dabei Einsparungspotential bei den Miet- und Transportkosten für die Außenstellen (jährlich 580.000 €) sowie im personellen Bereich (350.000 €).
Auch die Stadt Stuttgart begrüßt die Errichtung eines Erweiterungsbaus auf der Fläche vor der Landesbibliothek, gerade auch im Hinblick auf die städtebaulichen Planungen der Kulturmeile im Sinne eines City-Boulevards. Eingehende Untersuchungen über Nutzungsanforderungen, zur Finanzierung sowie zu Fragen zum Baurecht seitens von Land und Stadt haben begonnen.

4. Günther H. Oettinger verspricht: „WLB soll Erweiterungsbau erhalten“ (Juni 2008)

Der damalige Ministerpräsident Günther H. Oettinger verspricht der Landesbibliothek im Juni 2008 in einer Presseerklärung einen Erweiterungsbau für das Jubiläumsjahr 2015: "Wir streben an, dass wir den Bau zum 250. Jubiläum der Bibliothek im Jahr 2015 einweihen können", betonte Oettinger. Fast vier Jahrzehnte nach Fertigstellung werde das jetzige Bibliotheksgebäude modernen Anforderungen und dem Zuwachs an Beständen nicht mehr voll gerecht.
Die Pläne für die Erweiterung sind daher längst angelaufen. Als nächster Schritt sei ein Architektenwettbewerb geplant, auf dessen Basis eine Kostenkalkulation und eine Aufnahme in den Landeshaushalt vorgesehen sind, sagte Oettinger. "Wir wollen die Landesbibliothek zu einem Schmuckstück der Kulturmeile an der Konrad-Adenauer-Straße ausbauen".

5. Architekturstudenten der Universität Stuttgart präsentieren Entwürfe zum Erweiterungsbau (September 2008)

Der Leiter des Instituts für Darstellen und Gestalten an der Universität Stuttgart, Erwin Herzberger, führt mit seinen Studenten ein interessantes Projekt durch, um Ideen für die geplante Erweiterung zu entwickeln. Die entstandenen Modelle sind äußerst vielfältig und reichen von der kompletten Überbauung des Bestands bis zur Tieferlegung der Konrad-Adenauer-Straße, damit dort, wo jetzt Autos fahren, Bibliothekswürfel entstehen können. Es wurden weniger realistische Musterbeispiele entwickelt, als vielmehr die zahlreichen gestalterischen Möglichkeiten eines Erweiterungsbaus phantasievoll und spielerisch vor Augen geführt.

6. Architektenwettbewerb (Juli bis Dezember 2010)

Im Sommer 2010 beginnt der Architektenwettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren. Bewerbungsschluss war der 31. Mai 2010; die Beteiligung liegt bei 27 Arbeiten. Als Abgabetermin der Pläne wird der 8. Oktober 2010 angesetzt, für die Preisgerichtssitzung der 9 und 10. Dezember 2010.
Zentrale Fragestellungen, die die Jury bei dem 30-Millionen-Projekt zu beurteilen hatte, lauten: Sind die Anforderungen an die Funktionalität erfüllt? Welches architektonische Erscheinungsbild zeichnet den Erweiterungsbau aus? Fügt sich die Fassade des Neubaus ins städtebauliche Konzept der Kulturmeile?

Anforderungen:

  • Funktional: Zum bestehenden Gebäude aus dem Jahre 1970 sind neue Freihand- und Lesebereiche sowie Magazinflächen zu schaffen; diese sollen durch eine direkte Anbindung an das Bestandsgebäude hergestellt werden; fünf organisatorische Einheiten sind zu berücksichtigen: 1. Lesebereich, 2. Freihandbereich, 3. Leihstelle, 4. Öffentlich genutzter Bereich (Information, Ausstellungsbereich, Vortragssaal), 5. Freihandmagazin; Erweiterung der Nutzungsfläche um insges. 6.500 Quadratmeter
  • Architektonisch / Städtebaulich: Der Erweiterungsbau soll sich nicht nur angemessen in die bestehende Umgebung einfügen, sondern mit einem anspruchsvollen Gesamterscheinungsbild auch das Stadtbild prägen; die Sichtbeziehung zum Lesesaal soll erhalten bleiben. Die Sichtachsen zum Turm der Musikhochschule sowie die Sicht- und Wegebezüge zur Archivstraße sind wichtig und erhaltenswert.

Ergebnis: Das Preisgericht des Planungswettbewerbs wählt schließlich nicht einen einzelnen Sieger aus, sondern empfiehlt drei Büros für den zweiten Preis, die nach Überarbeitungen ihrer Entwürfe für eine zweite Runde vorgesehen sind. Zwei Preisträger kommen aus Stuttgart: das Büro „wulf & partner“ sowie „Lederer Ragnarsdóttir Oei“. Der dritte Entwurf stammt von „e 2 a eckert eckert architekten“ aus Zürich. Die Nachbesserungen der drei Entwürfe sollten bis April 2011 eingereicht werden.
Alle Modellentwürfe werden nach der Tagung des Preisgerichts im Vortragssaal der Neuen Staatsgalerie ausgestellt.

7. Siegerentwurf für Erweiterungsbau: Lederer, Ragnarsdóttir, Oei (Mai 2011)

Am 27. Mai 2011 empfiehlt das Preisgericht des Planungswettbewerbs das Stuttgarter Architekturbüro „Lederer Ragnarsdóttir Oei“ für den ersten Preis.
Der Entwurf sieht einen eigenständigen Erweiterungsbau im nordwestlichen Bereich der Landesbibliothek vor, der nur über einen Steg mit dem Altbau verbunden ist. Dieser ist nicht von massiven baulichen Eingriffen betroffen und kann daher auch während der ganzen Bauzeit ohne Störung genutzt werden. Auch auf kostspielige Auslagerungen der Bestände kann somit verzichtet werden. Der Lesesaal rückt klar ins Zentrum des Gesamtensembles. Deutlich ist die Achse zum Neuen Schloss erkennbar.
Der Entwurf geht von der Boulevardidee der Konrad-Adenauer-Straße aus. Gefallen hat den Experten gerade diese "hervorragende städtebauliche Einbindung entlang der Kulturmeile", wie der Frankfurter Architekt und Vorsitzende der Jury, Prof. Christoph Mäckler, betont. Das Konzept beziehe den angedachten Rückbau der Konrad-Adenauer-Straße zur Allee mit ein und sei daher zukunftsweisend.
Der helle sandfarbene Werkstein, der die Fassade auszeichnet, gibt dem Bau einen freundlichen, einladenden Charakter. Zusammen mit dem vorgelagerten Bibliotheksplatz und der großen Treppenanlage ergibt sich ein optisch ansprechender Gesamteindruck.

8. Planung eines Neubaus der Tiefgarage

Eine wichtige Frage stellt sich mit dem vorgesehenen Abbruch und Neubau der vorhandenen Tiefgarage. Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung hat ergeben, dass ein Neubau gegenüber einer Überbauung und Sanierung der alten Tiefgarage vorzuziehen sei und zudem Raumvolumen für eine Erdgeschossnutzung auf dem Niveau der Konrad-Adenauer-Straße böte. Es ist darum geplant, die bestehende Tiefgarage abzubrechen und den Neubau der Statik und Infrastruktur der neuen WLB anzupassen. Vorausgesetzt, dass der Erweiterungsbau im Nachtragshaushalt 2013/14 etatisiert wird, ist ab 2014 mit dem Beginn der Abbrucharbeiten zu rechnen.

9. Die neue WLB / Bauunterlage (2011/2012)

Die in zahlreichen intensiven Nutzergesprächen und Planungsbesprechungen entwickelte Bauunterlage, welche die Funktionsbereiche der neuen WLB im Detail beschreibt, ist am 20. August 2012 fristgerecht beim Ministerium für Finanzen und Wirtschaft eingereicht worden zwecks Verankerung im Doppelhaushalt 2013/14.
Sie weist dem sechsgeschossigen Erweiterungsbau sämtliche Funktionsbereiche mit hoher Benutzungsfrequenz zu, während im Bestandsgebäude die Lesebereiche (Hauptlesesaal, Sonderlesesaal) für ruhiges und konzentriertes Arbeiten angesiedelt sind. Aus diesem Grunde wird auch der zukünftige Eingang zur neuen WLB im Erweiterungsbau sein. Direkt im großzügig gestalteten Eingangsbereich findet der Besucher die Information sowie die Bereiche der Leihstelle (mit der inzwischen eingeführten Selbstverbuchung). Eine elektronisch gesicherte Zugangskontrolle trennt die Eingangshalle vom gesicherten Bereich der Bibliothek. Während sich im Erdgeschoss außerdem die Ausstellungsfläche sowie der Vortragssaal befinden, erstreckt sich der große Freihandbereich (ca. 500.000 Bände) mit Leseplätzen entlang der Fensterfront vom 1. bis zum 4. Obergeschoss. Eine neue Cafeteria und Bar mit direktem Zugang von dem geplanten „Boulevard“ entsteht auf der Höhe der Konrad-Adenauer-Straße.
Wichtig ist zudem die Planung einer modernen RFID-gestützten Buchförderanlage, da das alte System schon lange nicht mehr den Anforderungen genügt und nicht mehr störungsfrei läuft.
Die freiwerdenden Flächen im Bestandsgebäude werden später zu Lesebereichen mit neuen Benutzerarbeitsplätzen (inkl. Gruppenarbeitsplätzen) umgestaltet. Gleichzeitig entsteht im Bereich des jetzigen Lesesaals Alte Drucke, Handschriften und Kunst ein moderner Sonderlesesaal für die historischen Sammlungen der WLB.

10. Doppelhaushalt 2013/2014

Trotz der Dringlichkeit der Lage fand der Erweiterungsbau im Doppelhaushalt 2013/14 entgegen früherer Zusicherungen (Stuttgarter Zeitung, 8.5.2012) keine Berücksichtigung. Da eine Aufschiebung des Projekts enorme Folgekosten nach sich zöge, wird von Seiten der Regierungsparteien eine Verankerung des Erweiterungsbaus im Nachtragshaushalt angestrebt (Stuttgarter Zeitung, 9.1.2013). Anderenfalls wäre neben den durch die Anmietung neuer Magazinflächen entstehenden Mehrkosten auch die Leistungsfähigkeit der größten wissenschaftlichen Bibliothek Baden Württembergs nachhaltig geschwächt und die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten entscheidend eingeschränkt, insbesondere im Hinblick auf die aktuellen und zukünftigen Benutzerbedürfnisse (Erweiterung der Arbeitsplätze, Ausweitung der Öffnungszeiten, freizugängliche Büchermagazine). Hinzu kommt der marode Zustand des Fellbacher Außenmagazins, der die Dringlichkeit des Erweiterungsbaus noch verstärkt, da die ausgelagerten Bestände gemäß den geltenden konservatorischen Richtlinien untergebracht werden müssen. Angesichts der Notlage der Bibliothek, die der Regierung bewusst ist, bleibt zu hoffen und zu erwarten, dass der Erweiterungsbau nicht zuletzt auch im Interesse der Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts und der Region im Nachtragshaushalt etatisiert wird.

11. Nachtragshaushalt 2013/2014

Erfreulicherweise wurde der Erweiterungsbau wie erhofft in den Nachtragshaushalt 2013/2014 mit der Summe von 52 Millionen Euro (einschl. dem Neubau der Tiefgarage) gemäß dem Entwurf vom Oktober 2013 (Pressebericht in der Stuttgarter Zeitung vom 8.10.2013) aufgenommen. Der Nachtragshaushalt wurde im Dezember 2013 vom Landtag verabschiedet. Mit der Genehmigung der Bauunterlage und dem Auftrag zur stufenweisen Weiterplanung ist nun "grünes Licht" für den baldigen Beginn der Baumaßnahmen gegeben.


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