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Archivgeschichte

Ende der 20er Jahre plante Stefan George nicht nur eine Gesamtausgabe seiner Werke, die 1928 bei Georg Bondi in Berlin zu erscheinen begann, sondern führte mit einem engen Kreis von Freunden eine Diskussion über die Gründung einer Stiftung, die das Fortbestehen seines Werkes garantieren und fördern sollte. George selbst, wie auch seine Geschwister, war ohne Nachkommen, und so sahen erste Überlegungen den Germanisten Max Kommerell sowie die Juristen Johann Anton und Ernst Morwitz, der früh durch Robert Boehringer ersetzt wurde, als Erben und zukünftigen Stiftungsrat vor. Dieser Plan misslang, da Kommerell sich von George abwandte. Ebenso erwies sich eine Stiftungsgründung in der Schweiz („Stiftung zur Fortführung des Werkes von Stefan George“) unter den Reichsgesetzen als nicht möglich, obwohl der Nationalökonom Robert Boehringer, als vorgesehener Erbe, seit Beginn der Jahrhunderts in der Schweiz lebte. Boehringer zählte seit 1905 zum Kreis um George. Er stammte aus Winnenden bei Stuttgart und hatte in den letzten Lebensjahren Georges dessen juristische und finanzielle Angelegenheiten geregelt. Ihn benannte George mit einem Testament vom  31.3.1932 zum Erben und Nachlassverwalter. Zum Nacherben wurde Berthold Graf Schenk von Stauffenberg bestimmt. Dieser wiederum setzte dann den ebenfalls aus Stuttgart stammenden Bildhauer Frank Mehnert und  Claus Schenk von Stauffenberg als weitere Nacherben ein.

Robert Boehringer, Dichter und Schriftsteller, der während des Krieges in Genf leitend für das Internationale Rote Kreuz tätig war und die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten hatte, arbeitete nach dem Krieg als Industrieberater. Er hat sich mit großem Engagement dem Werk Georges gewidmet und dessen Nachlass mit großem Einsatz betreut. 1959 gründete er, wie von George testamentarisch festgelegt, die Stefan George-Stiftung als künftige Nachlassverwalterin und  Rechtsnachfolgerin Stefan Georges sowie, ebenfalls gemäß einer testamentarischen Bestimmung, das Stefan George Archiv.
 
Nach Georges Tod (4.12.1933) und dem seiner Schwester Anna (2.12.1938) war der wichtigste Teil des Nachlasses noch vor dem Zweiten Weltkrieg zu Robert Boehringer nach Genf gelangt. Hierzu gehörten vor allem die Werkhandschriften und umfangreiche Konvolute von Briefschaften. Ein anderer Teil, Papiere und Bücher umfassend, wurde von Berthold von Stauffenberg in seine Berliner Wohnung, später zu seiner Mutter nach Schloß Lautlingen (Württemberg) mitgenommen. Dort wurde Anfang Dezember 1944, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944, auch der Nachlassteil Georges von der Geheimen Staatspolizei beschlagnahmt und nach Markkleeberg bei Leipzig, von dort ins Leipziger Völkerschlachtdenkmal verbracht. 1961 gelang es unter schwierigen Umständen, diesen Bestand unversehrt nach Genf zu überführen. Ein von Frank Mehnert vor Kriegsbeginn bei Freunden in Überlingen deponierter Nachlassteil konnte schließlich 1983 mit dem Bestand des George Archivs vereinigt werden.

Umfangreiche Korrespondenz bezeugt die Aktivitäten des Erbens und der beiden designierten Nacherben Stauffenberg und Mehnert in den Jahren zwischen Georges Tod und dem Tod Stauffenbergs (20.Juli1944) und Mehnerts (1943), sowie in den Jahren vor der Stiftungsgründung zwischen Boehringer und Überlebenden des Kreises im Exil und in Deutschland. So hatten die Erben der Stadt Bingen als zukünftigen Gedenkort und möglichen Standort eines Archivs das Elternhaus Georges überschrieben, das jedoch am 29. Dezember 1944 den Bomben zu Opfer fiel. Auch versuchte Boehringer schon in den frühen Jahren vor der Stiftungsgründung Briefen Georges und anderen Lebensspuren nachzugehen und sie für das zukünftige Archiv zu gewinnen. Dies gelang in vielen Fällen und so konnte schon 1938 der Briefwechsel zwischen Stefan George und Hugo von Hofmannsthal, von Robert Boehringer herausgegeben, erscheinen.
 
Entscheidend für die Gründung der Stiftung und die Wahl des Archivstandortes war die kurz nach dem Krieg stattfindende Begegnung zwischen dem nach Kriegsende als Leitender Direktor der Württembergischen Landesbibliothek eingesetzten Dr. Wilhelm Hoffmann und Robert Boehringer. Wilhelm Hoffmann, maßgeblich verantwortlich für die Gründung der Großen Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (1941) und des Hölderlin-Archivs im Kloster Bebenhausen, später Mitbegründer des deutschen Literaturarchivs und langjähriger Präsident der Deutschen Schillergesellschaft,  schlug als Sitz von Stiftung und Archiv das Marbacher Literaturarchiv vor, aber Boehringer lehnte, wie Hoffmann schreibt, ab:“Ich schlug ihm Marbach vor. Er aber wollte mit dem Archiv zu Hölderlin und nach Bebenhausen. Dort war es dann von seiner Gründung 1959 bis zum Jahre 1970, von da an im Neubau der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart, wo es sich heute befindet, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hölderlin-Archiv dieser Bibliothek.“ (Hoffmann, Wilhelm: Das Stefan-George-Archiv. In: Stefan-George-Seminar, Bingen 1978. Heidelberg 1979,  S. 115-126, hier S. 115.) Tatsächlich verblieb der größte Teil des Nachlasses in Genf bei Robert Boehringer und kam erst nach dessen Tod am 9.8.1974 in die Württembergische Landesbibliothek.

Das Stefan George Archiv ist heute der zentrale Ort für die internationale Georgeforschung und die Erforschung seines Kreises, mit Schwerpunkt auf den diversen Fachgeschichten. Ebenso ist es ein Forschungsarchiv für den europäischen Symbolismus sowie die neuromantischen Bewegungen.

 


Öffnungszeiten

Stefan George Archiv:
Mo-Fr: 10-13 Uhr und 14-17 Uhr
Schließungstage s. Aktuelles

um Anmeldung wird gebeten
Kontakt



Letzte Änderung: 27.08.2012   © 2007 WLB
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