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Einleitung zum Tagebuch von Otto von Emmich

von Christian Westerhoff

Vivatband zur Erstürmung von Lüttich, 1914
Vivatband zur Erstürmung von Lüttich, 1914

General der Infanterie Albert Theodor Otto von Emmich (1848-1915) gehört heute zu den umstrittenen deutschen Militärs des Ersten Weltkriegs. Seit 1909 führte er das X. Armeekorps in Hannover. Gleich zu Beginn des Krieges war er maßgeblich an der Einnahme der Stadt Lüttich beteiligt, die für die Einhaltung des Schlieffenplans wichtig war und den Durchmarsch der deutschen Armee nach Nordfrankreich ermöglichte. Für diese militärische Aktion erhielt er als erster deutscher Offizier während des Krieges den höchsten Orden Pour le Mérite. Mehrere Denkmäler erinnern bis heute an ihn. Straßen, Plätze sowie die Schule für Feldjäger und den Stabsdienst der Bundeswehr in Hannover wurden nach ihm benannt. Historiker werfen ihm jedoch vor, beim Überfall deutscher Truppen auf das neutrale Belgien im Jahr 1914 an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Initiativen fordern daher, den Emmich-Platz und die Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover umzubenennen. Das Bundesministerium für Verteidigung verweist jedoch darauf, dass bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen, „die eine persönliche Schuld General von Emmichs belegen, die über seine allgemeine Verantwortung als Kommandierender General des 10. Armeekorps hinausgingen“ (Hannoversche Allgemeine vom 24.4.2014). Es wäre daher wünschenswert, dass die Forschung das militärische Wirken Emmichs während des Ersten Weltkriegs näher untersucht. Sein Kriegstagebuch ist nun online einsehbar.

Im Kontext der Digitalisierung von Buchbeständen der Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ) zum Ersten Weltkrieg wurde eine Abschrift des Tagebuchs von General von Emmich wiederentdeckt. Der Nachlass Emmichs ging 1945 bei einem Luftangriff auf das preußischen Heeresarchivs in Potsdam verloren. Hierbei wurde wahrscheinlich auch das Original-Tagebuch zerstört.

Heute existieren nur noch zwei Abschriften: eine im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg (Signaturen MSG 2/4704 bis MSG 2/4707) und diejenige in der BfZ. Das Exemplar der BfZ war bis vor kurzem im Buchbestand eingereiht. Unter der Signatur N60.13 wird es jetzt in der Lebensdokumenten-Sammlung der BfZ aufbewahrt. Um das seltene Stück zu schonen und gleichzeitig der Forschung besser zugänglich zu machen, wurde es digitalisiert.

Die maschinenschriftliche Abschrift der BfZ umfasst insgesamt 643 Seiten in vier Bänden. Die erste Seite ist mit einem handschriftlichen Vermerk versehen, der die Richtigkeit der Abschrift bescheinigt. An einigen Stellen im Text wurden handschriftliche Korrekturen vorgenommen und Lücken gefüllt, so z.B. auf den Seiten 35, 41 und 64.

In seinem Tagebuch schildert Emmich, beginnend am 2. August 1914, in chronologischer Abfolge Szenen aus dem Kriegsgeschehen, die er erlebt hat. Meist lakonisch beschreibt er die Bewegungen der von ihm befehligten Truppen und die Kampfhandlungen, in die sie verwickelt sind. Hierzu zählen neben dem Angriff auf Lüttich die Schlacht an der Marne und der Stellungskrieg im Raum Reims. Die Erstürmung Lüttichs, für die Emmich bekannt wurde, nimmt in seinem Tagebuch nur wenig Platz ein. Von den Kriegsverbrechen, mit denen er in Verbindung gebracht wird, finden sich nur sehr knappe und vage Andeutungen. Plünderungen und die Verwendung menschlicher Schutzschilde beim Überqueren von Brücken kommen gar nicht vor. Auch Emmichs in einer Bekanntmachung verbreitete Drohung vom 4. August 1914, im Fall von Sabotage hart gegen die belgische Bevölkerung vorzugehen, bleibt unerwähnt. Massaker an der Zivilbevölkerung werden nicht thematisiert, obwohl er mehrfach behauptet, dass seine Truppen „hinterlistig“ von bewaffneten Zivilisten angegriffen worden seien, worauf die deutschen Soldaten zum Teil mit „wildem Geschieße“ geantwortet hätten (4., 9. und 27. August 1914). Bis heute ist umstritten, in welchem Umfang es 1914 belgische und französische Freischärler, so genannte „Franktireurs“ im Ersten Weltkrieg gegeben hat.

Interessant sind seine Reflexionen über die Erfahrungen, die er im Laufe des Kriegs macht. So notiert er im Oktober 1914 seine Erkenntnisse zum mittlerweile eingetretenen „Stillstand der Operationen“. Die Schrecken und die brutale Logik des Stellungskriegs treten bereits deutlich zutage: „Beide Parteien vermeiden den systematischen Angriff gegen den jetzt in befestigter Stellung stehenden Feind. Angriff muss brutal, Verteidigung listig geführt werden. Jede vorgeschobene Stellung erfüllt den Zweck, wenn ihr Nehmen dem Angreifer unverhältnismäßig mehr Opfer kostet, als dem Verteidiger. Nichts wirksamer als flankierendes Artillerie-, Maschinengewehr- und Infanteriefeuer“ (Tagebuch 1, S. 116).

Im April 1915 wird Emmich an die Ostfront verlegt. Er nimmt dort an der Schlacht von Gorlice-Tarnów teil, die die Verdrängung der russischen Truppen aus Galizien und die Eroberung von Russisch-Polen einleitet. Am 12. Mai 1915 hält er in seinem Tagebuch fest, dass die verbündeten Österreicher fünf Einwohner wegen Spionage und Leichenräuberei gehängt hätten. Dieses harte Vorgehen wird von ihm weder erläutert noch kommentiert, stattdessen stellt Emmich  im nächsten Satz fest, dass seine Weinvorräte zur Neige gegangen sind. Derweil hinterlässt die deutsche Artillerie tiefe Spuren in den russischen Linien. Selbst stark ausgebaute Stellungen aus Beton werden „glatt durchschossen und vernichtet“, sie weisen „Erdtrichter von 20m Durchmesser und 6m Tiefe“ auf (5. Juni 1915). Allerdings seien nur Minenwerfer ausreichend präzise: „Die Artillerie trifft die schmalen Gräben nicht.“ (Tagebuch 3, S. 167). Am 6. Oktober 1915 vermerkt Emmich, dass er an Herz und Nieren erkrankt sei. Sechs Tage später enden seine Aufzeichnungen. Am 22. Dezember 1915 stirbt er in Hannover.

Otto von Emmichs Tagebuch gewährt Einblick in das Denken eines führenden deutschen Generals, der 1914-1915 an entscheidenden Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beteiligt war. Da Emmich bereits 1915 gestorben ist, hat sein Tagebuch einen sehr unmittelbaren Charakter. Im Gegensatz zu vielen anderen Lebensdokumenten kann es sich hier nicht um eine Nachkriegsfassung handeln. Die Aufzeichnungen wurden auch nicht dem späteren Zeitgeist entsprechend überarbeitet.

 

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