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Jugendstil Vortrag

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung

Buchkunst im Jugendstil

Bibel und Weltliteratur

Ausstellung in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart
vom 16. Juni bis 31. Juli 1999

Befürchten Sie nicht, meine Damen und Herren, daß ich das Programm des letzten Deutschen Evangelischen Kirchentages vor der Jahrtausendwende deshalb zur Hand nehme, um mich zu trauen, Ihnen die Losung Ihr seid das Salz der Erde auszulegen. Aber eines sei dem Theologie-Fachreferenten gestattet, nämlich darin zu blättern und, wie sonst im Alltag, ein Schlagwort dafür zu finden. Das ist insofern nicht schwierig, als es einem ins Auge springt. "Zukunft" heißt es, "Zukunft" allenthalben. Das, was uns erwartet, und das, was wir erwarten, ist die Sache unserer drei hier im Abendlande vertretenen Erlösungsreligionen schlechthin, besonders des Christentums und des Judentums: Zukunftshoffnung, Zukunftserwartung, Zukunftshandeln sind Dauerthema, immer, ohne Rücksicht auf den Kalender und die vermeintliche Zahlensymbolik, ohne Einschnitte durch runde Hunderter- oder Tausenderzahlen. Kann zum Thema Zukunft eine Bibliothek etwas beitragen, zumal die unsere, die sich immer - und das zu Recht - aufs Historische kapriziert? Nun, Zeiteinschnitte hat es schon immer gegeben, die Menschen ließen sich dann mehr von apokalyptischer Furcht treiben. Das vermeintliche Ende der Zeiten wurde jedoch meist schadlos überstanden. Die Katastrophen haben auch in anderen Epochen stattgefunden bzw. sie sind permanent. Aber mit dem Blick zurück auf die Geschichte der Zukunft, da können wir wieder mitreden und fragen, was war denn vor hundert Jahren bei der letzen Zeitenwende, und wo zeigt sich der Wandel um das Jahr 1900, wenn es je einen markanten Wandel gegeben haben sollte? In der Tat hat es ihn gegeben. Und es hängt nicht mit dem Jahr 1900 und seiner arithmetischen Ästhetik zusammen, sondern "weil die Zeit erfüllet war" [1] oder unbiblisch: weil die Zeit reif war nach einem leerlaufenden Historismus und hintergrundsleeren Positivismus. Die Jahre um 1900 steckten voller Dynamik, voller Aufbruchstimmung, aber auch voller Dekadenz und Morbidität. Letzteres führte geradewegs in den Ersten Weltkrieg. Der Aufbruch weist hinaus in das weitere ungewisse 20. Jahrhundert.
Zum Glück läßt sich im Gegensatz zu heute das Gemenge an geistigen und kulturellen Strömungen und Gegenströmungen noch einigermaßen durchschauen, wiewohl es hier nicht Aufgabe sein kann, eine detaillierte Analyse der Zeit um 1900 zu geben. Aber man kann die Augen aufmachen und sehen - so zum Beispiel in Stuttgart - was sich da verändert hat. Eine Tour von der Johanneskirche zur Markuskirche weist auf Neugotik und Jugendstil. Dieser markiert die Epochenschwelle. Vielleicht war er auch nur eine Episode, ein Frühlingshauch gleichsam, der in der Härte und Hitze des 20. Jahrhunderts schnell verging, der nur äußere Spuren bis in die dreißiger Jahre, gerade noch über Gustav Klimt bis zu Friedensreich Hundertwasser ein Erbe hinterließ und allerdings eine Renaissance im New Age der achtziger und neunziger Jahre hervorrief. Wer hätte sich vor dreißig Jahren getraut, Jugendstilbücher auszustellen und das auch noch schön zu finden?
Und jetzt sollen die in unruhigem Rhythmus verlaufenden, meist nach oben strebenden Wellenlinien, die kaum etwas Gerades oder geometrisch Faßbares umgreifen, die stets zum Verschlanken von Formen und Körpern neigen, jetzt sollen dahingeworfene Farbflecke in ungewöhnlichen Proportionen, soll alles, was blaß und durchsichtig, was fein gewoben und gezeichnet ist, was symbolisch auf eine geistige Ebene verweist oder nur diesseitiges hübsches Ornament bleibt, soll alles, was unruhig, kraftvoll, ekstatisch, dionysisch, aber auch in reinem Ebenmaß, harmonisch, apollonisch, was übervoll mit sinnlicher bis ins Pornographische gehender Erotik, was andererseits unsinnlich und asketisch, was bald selten und exotisch, bald alltäglich, bis zum Kaffeelöffel gewöhnlich erscheint, das soll eine neue Zeit, eine Epoche des Aufbruchs aus dem zu Ende gekommenen 19. Jahrhundert abbilden und ausdrücken. Ja, kurze Zeit, denn der Expressionismus wartet schon an der Hintertüre!
Ganz neu ist das allerdings nicht, was die Kunst da geschaffen hat, wie es denn Neues nicht gibt, es sei denn, es wäre zuvor alt gewesen. Und die Wurzeln der Jugendstilkunst weisen weit in das voraufgegangene Jahrhundert zurück. Man mag die Romantik und die Präraffaeliten anführen. Ein schönes Beispiel, auch im Hinblick auf die Bibelillustration ist der englische Maler, Graphiker und Dichter, der stilistische und religiöse Außenseiter, aber ein Wegbereiter, William Blake, von dessen Lithographien zum Buch Hiob ich Ihnen eine Vergrößerung zeige. Die Ausstellung hätte Hinweise auf Vorläufer aus Platzgründen nicht ertragen, um den Gemeinplatz vom "gesprengten Rahmen" zu vermeiden, wo doch Titel- und Seitenrahmen im Jugendstil in unserem Zusammenhang so bedeutsam sind. Mehrmals sind die von Melchior Lechter aus dem George-Kreis stammenden Buchillustrationen zu sehen. Er läßt den noch vorhandenen Zusammenhang zur Neugotik deutlich werden.
Doch die Kunst um die Jahrhundertwende vor hundert Jahren war nicht nur Abbild eines Aufbruchs aus einer historistischen, phantasielosen Epoche, deren Schöpfungsquell nahezu versiegt war, die neue Kunst, sie wurde geradezu Inhalt selbst, zur Weltanschauung. "Jugendstil" hat man sie in Deutschland genannt, nach der Zeitschrift Die Jugend, die sich der neuen Zeit in Form und Inhalt verpflichtet hatte. Die beiden herrschenden Konfessionen zerfleischten sich theologisch, aber es war mehr äußerer Machthunger von nationalistischen kaisertreuen Lutheranern gegen ultramontanistische, antimodernistische Katholiken: Luther-Renaissance seit 1883 und Kulturkampf sind die Schlagworte. Daneben entwickelten sich die positivistischen Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, Technik und Medizin, die nicht mehr nach dem Warum und Woher, sondern nur noch nach dem Wie fragten. Die moderne Theologie, die der Protestantismus hervorbrachte, war die sog. liberale Theologie, die das, was man nicht mehr glaubte, schön redete oder sich historisch auf das Empirische einschränkte. Unzweifelhaft entstanden aus diesem Geiste die großen Quellenforschungen und Quellensammlungen, die großen historischen Entwürfe. Und die Religionsgeschichtliche Schule sowie die Religionsphänomenologie begannen, den Absolutheitsanspruch der Religionen und Konfessionen durch vergleichende Forschung in Frage zu stellen. Modernistische Ansätze des Katholizismus blieben wegen der strengen Gebräuche dort vereinzelt und damals eher wirkungslos. Praktisch-theologisch hat diese Zeit also kaum etwas gezeitigt. Kein Wunder, daß sich die fundamentalistischen Strömungen auf der einen Seite, wie eine fragwürdige Erweckungs-, Heiligungs- und Pfingstbewegung und auf der anderen Seite hermetische, mystische und okkulte Gruppierungen mit ihren geistigen Führern von den Kirchen separierten oder überhaupt alternative Bewegungen - unserer Öko-Bewegung ähnlich - sich aus Gesellschaft und Industriewelt zum einfachen natürlichen, vegetarischen Leben zurückzogen, Freikörperkultur propagierten und den Spießbürger schockierten. Eine Bewegung aus der modernen Theosophie hervorgegangen, die Anthroposophie Rudolf Steiners, ist eine solche Anschauung und Bewegung, die bis heute mit großem Erfolg besteht und arbeitet. Einige ihrer Wurzeln hat sie aus der Zeit um 1900, wie die Jugendstiltitelblätter ihrer Zeitschriften bis heute beweisen. Kirchliche Religionsausübung und kirchliches Leben geraten in Bedrängnis. Religion und Sinnsuche finden einen anderen Schauplatz. Das Schöne, eine Entdeckung des 18 Jahrhunderts, gefaßt als Lehre in der Ästhetik, wird für viele zum Ersatz für eine nicht mehr nachvollziehbare, da dem Gehalt beraubte Frömmigkeit. Der Ruhm von Gottes Herrlichkeit mündet ein in eine Ästhetisierung des Göttlichen, religiöse Erfahrung wird ästhetische Erfahrung. Religion manifestiert sich als Kunst, Kunst ist Religion. Das kann im Bereich der Dichtung sein, bei Rainer Maria Rilke, bei Hugo von Hofmannsthal, und vor allem bei Stefan George, wo der Dichterfürst priesterliche Qualitäten offenbart. Religiöse Erfahrung findet also, wenn nicht gar im Mystischen, so doch in der Sinnlichkeit, in der Wahrnehmung des Schönen statt. Auch Naturerfahrung wird ästhetisiert: die Blume nun ein Elfenwesen, ein knorriger Erdgeist der Baum, und darüber, daneben, die schützenden Engel in schlanken lichten Gestalten.
Seit sich Bild und Schrift im Buch des Abendlandes miteinander verbunden haben, wird die Begleitung des Bibeltextes mit dem erläuternden Bild zur Tradition und bringt eine Fülle an Bibelikonographie aller Stile und Richtungen hervor. Trotz Bilderverbot im strengen Judentum, trotz Vorbehalte gegen das Bild im Protestantismus setzt sich die Bibelillustration durch und entsteht aus den verschiedensten Begründungen, sei es aus symbolbeladener Ausdeutung in den Liturgica des Mittelalters, sei es aus belehrender Erläuterung des Buchstabensinns im frühen Protestantismus, sei es heute aus Verlegerkalkül als Publikation von namhaftem Künstlerprodukt ohne einsichtige Beziehung zum aufgeschlagenen Bibeltext. Man denke an die unzähligen Chagall-, Dalí-, Hundertwasser-Bibeln der letzten Jahre.
Doch was war im Jugendstil?
Nach allem, was seither angeklungen ist, hatten die traditionellen Kirchen - von einer noch zu erwähnenden Ausgabe abgesehen - und damit die Bibelanstalten als Verleger wenig oder gar keinen Bezug zu der neuen Richtung. Die Evangelischen waren über ein halbes Jahrhundert mit den Revisionen der Lutherbibel beschäftigt, die 1892 und 1912 stattfanden. Prachtausgaben waren teilweise bilderfrei, bzw. Hochzeitsbibeln für die besseren Leute erschienen höchstens mit den verkleinerten Bildern des Bestsellerkünstlers Julius Schnorr von Carolsfeld. Vielleicht verirrte sich um 1905 mal ein Jugendstilrahmen um das Titelblatt. Und Künstlerbücher produzierten die Bibelanstalten ohnedies ihrem Auftrag gemäß schon gar nicht. Aber auch die engagierten konfessionell ausgerichteten Verlage zogen kaum mit. Sie blieben der Reproduktion von Gemälden aus den Museen der Welt verhaftet, bescherten dem deutschen Kirchenvolk Raffael und Rembrandt in modernster Lithographietechnik. Das war es dann. Trotzdem gibt es Jugendstilbibeln, wenn auch nur wenige echte. Die bei den Ausstellungsvorbereitungen dahingeworfene These, die Jugendstilbibeln für den Evangelischen Kirchentag seien entweder jüdisch, katholisch oder erotisch, bewahrheitet sich im Nachhinein. Wir haben hier keine einzige evangelische Vollbibel im Jugendstil, also keine durchillustrierte Ausgabe des Alten und Neuen Testaments, wie man es zuvor schon seit der Kölner Bibel von 1478, den unzähligen großformatigen Lutherbibeln und den katholischen Widerparts von Dietenberger und Ulenberg kannte, und wie man es kurz zuvor als Prachtbände mit den Holzstichen von Gustave Doré oder den Holzschnitten von Julius Schnorr von Carolsfeld in jedem besseren Wohnzimmer liegen oder stehen hatte. Auf katholischer Seite war man da anscheinend fortschrittlicher, als 1901 eine überformatige Vulgata mit zeitgenössischer Bibelgraphik veröffentlicht wurde. War hier der sonst gegeißelte Modernismus am Werk? Aber der lateinische Text konnte ja nicht für die Laien gedacht sein. Da schließt sich der Kreis wieder! Der Bischof im niederländischen Haarlem hat das Imprimatur erteilt, vielleicht ein geheimer Modernist? Und wer verbirgt sich hinter einer anonymen Gesellschaft "Biblia Illustrata", welche das Buch verantwortet hat?
Ephraim Mose Lilien, dem galizischen jüdischen Künstler, der in Wien, in München und dann in Berlin zu beachtlichen künstlerischen Erfolgen kam, ist die umfangreichste Bibelausgabe zu danken. Interessanterweise ist der Text des - nach christlicher Definition - Alten Testamentes, und nur darum handelt es sich natürlicherweise, eine deutsche Übersetzung des Straßburger Alttestamentlers Eduard Reuß, also eine kirchlich unabhängige Übertragung. Der Verlag George Westermann in Braunschweig wagte es, (Zitat:) dem großen Werke alle erforderlichen Opfer zu bringen [2].
Geplant waren zehn Bände, was schon erkennen läßt, daß umfangreiche Illustrationen und sonstiger Buchschmuck in Bordüren und Initialen den Text begleiten sollten. Der Erste Weltkrieg ließ das Werk zum Fragment werden, nachdem ein Band mit den Büchern der Tora, also den fünf Büchern Mose, und zwei Bände mit den sog. "Schriften" oder Hagiographen, also von den Psalmen bis Daniel, zwischen 1908 und 1912 herausgekommen waren. 1923 hat der Benjamin Harz Verlag in Berlin die drei Bände nachgedruckt. Uns stehen über die Erstausgabe und den Nachdruck aus der Sammlung Lütze IV sowie ein weiteres Privatexemplar neun Bände zur Verfügung. So war es uns bei der Ausstellung möglich, eine ganze Vitrine mit dieser Bibel und ein paar anderen Büchern mit Lilien-Illustrationen zu füllen. Sein Realismus und die teils symbolischen, teils dekorativen Elemente seiner Tuschfederzeichnungen fügen sich wohltuend zu einem herrlichen, ästhetischen Bilderbibelbuch zusammen. Dahinter steckt jedoch mehr: Lilien wußte sich dem Zionismus angehörig. Er hatte vor der großen Bibelausgabe das Heilige Land besucht und dort eine umfangreiche Folge von Landschaftsbildern gezeichnet, die nun seine Bilder zur Hebräischen Bibel inspirierten. 1912 bzw. 1913 brachte der Verlag Westermann noch eine Schulbibel heraus. Sie enthielt den Luthertext in Auswahl und dazu passend Bilder von Ephraim Mose Lilien. Es gab bei diesem christlich-jüdischen Gemeinschaftswerk allerdings Probleme im Neuen Testament. Hier hatte der jüdische Künstler keine Ambitionen. Der Verlag mußte sich deshalb mit der Übernahme der reinen Landschaftsbilder von Palästina, die Lilien von seiner Reise mitgebracht hatte, begnügen. Die Dürftigkeit des zweiten Bibelteils gegenüber dem reichen Alten Testament ist offensichtlich. Diese Ausgabe jedoch war es, die mich im letzten Jahrzehnt auf Lilien aufmerksam werden ließ. Ein Nachfahre des Herausgebers Peter Petersen richtete eine Anfrage an uns, was wir denn von Lilien noch hätten und ob bei uns vielleicht Unterlagen dazu vorhanden seien. Daraus lernen wir, daß nicht nur Katalogiserungsvorhaben, sondern auch unsere Benutzer, für die wir schließlich da sind, positive Anstöße für weitere Forschungen und Ausstellungen geben können.
Es wäre nun müßig, auf jede Ausgabe unten in den Vitrinen einzugehen. Sie werden von selbst merken, daß das Thema Bibel sich rasch erledigt bzw. sich in zwei Richtungen verflüchtigt: Die erste ist eine deutliche Beschränkung des Jugendstilkünstlers auf bestimmte Themen. Hatte noch der fromme Jude Lilien seine Bibel als ganzes illustrieren wollen, so fehlen im christlichen Bereich die kirchlichen Autoritäten, die dogmatisch Relevantes wie das Neue Testament oder einzelne Evangelien, die Psalmen oder wenigstens die Johannesapokalypse anboten. Doch die Bibel ist ein Buch aus der Fülle des Lebens und den harten und teilweise auch bürgerlich verschwiegenen Realitäten. Auch das macht sie trotz ihrer Zeitgebundenheit zeitlos. Das Buch Hiob, die Geschichte eines Frommen, der härteste Prüfungen über sich ergehen läßt und trotzdem seinen Glauben an den einen Gott nicht verliert, ergreift den, der nach Halt sucht oder lebensphilosophisch mit dem Schicksal abgeschlossen hat, in besonderem Maße. Die Erotik des Hohenliedes speist die idyllische Seite des Jugendstils. Für beide Bücher steht der englische Künstler Herbert Granville Fell. Die zwei männermordenden Frauengestalten Judith und Herodias bzw. Salome verkörpern archetypisch die "femme fatale", wie sie die Jahrhundertwende entdeckt hat und wie sie uns in der Ausstellung auch weiterhin begegnet. Daß wegen der Würde und dem Ansehen des Hauses hierbei auch Zensur auszuüben war und das überall separierte Werk Sodom von Julius Klinger im Magazin verblieb, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.
Und da sind wir bereits bei der anderen Richtung. Der reine Bibeltext wird verlassen. Seine Motive sind Material für zeitgenössische Nachdichtungen. An erster Stelle steht Oscar Wilde mit seiner Tragödie Salomé. Gleich zwei der namhaften Künstler, nämlich Aubrey Beardsley und Marcus Behmer stürzen sich geradezu auf das Sujet. Und damit nicht genug. Nicht nur, daß wir über die Lütze-Sammlung oft ein zweites Exemplar ins Haus bekommen haben, das wir nun neben das erste mit einer anderen aufgeschlagenen Seite legen können, nein über Diethelm Lützes Vermittlung kam schon vor Jahren die Erstausgabe des Klavierauszugs von der Oper Salome von Richard Strauß ins Haus. Auch dieses Buch trägt Jugendstilzüge.
Jetzt ist der Weg offen für die Literatur aller Couleur, aller Gattungen, für allerlei Leserschaft. Märchen, Gedichte, Satiren, Persiflagen und Zoten, ja so muß man es schon nennen, geraten in die Buchgestaltung der Jugendstilbücher. Neu sind die großformatigen Zeitschriften, die ein exklusives Publikum ansprechen, in geringer Auflage mit lithographischen Verfahren hergestellt, die aus der Plakatproduktion sich bewährt haben, von manchen exzentrischen Lektoren, Künstlern und Verlegern in oft nur kurzem Einvernehmen herausgegeben. Die bereits genannte Jugend gibt der Stilrichtung, die sonst Art nouveau heißt, ihren Namen. Ferner sind es Hyperion, Die Insel, Ver Sacrum, letztere Zeitschrift ein Produkt der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs. Wien war ein Zentrum des Jugendstils. Nirgends paßt er besser hin. In München macht sich eine besondere Richtung fest: Die satirische Zeitschrift verläßt schnell das ornamentale Idyll und konzentriert sich auf großflächige Karikaturen mit entsprechendem Text. Die Zeitschrift Simplicissimus, die 1896 zum ersten und nach vielen Unterbrechungen am 3. Juni 1967 zum letzten Mal erscheint, ist ein eigenes Thema. Ihre Wurzeln aber hat sie in der konsequenten Antihaltung und Satire der bürgerlichen, nationalen und religiösen Verhaftungen der Zeit.
Schließlich nicht nur etwas für Kinder: Die Augen der Erwachsenen leuchten ebenso, wenn die alten Erinnerungen an die früher noch selbst benutzen Bilder- und Märchenbücher wach werden. Ernst Kreidolf mit seinen lebendig machenden Pflanzenbildern, die Best- und Longseller Etwas von den Wurzelkindern und Hänschen im Blaubeerwald, auch die Illustrationen zu Tausend und eine Nacht bzw. den Märchen von Hans Christian Andersen bilden eigentlich keinen Abschluß, sondern eher abgebrochene Verbindung dorthin, wo Jugendstil nicht nur im Buch, sondern auch im Plakat, in der Malerei, in der Architektur und im Wohnraum, beim Schmuck und sonstigen Gebrauchsgegenständen Platz gegriffen hat. Das konnte und wollte die Ausstellung in ihrer kleinen Dimension nicht aufgreifen. Sie soll zuerst eine Augenweide sein für die Vorübergehenden, und für die Stehenbleibenden Anlaß zum Grübeln, ob das damals viel anders war als heute! 

© Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 1999

[1] Gal 4,4

[2] Lothar Brieger: E. M. Lilien. Berlin 1922. - S. 209

Literatur in Auswahl

Neben den zahlreichen gängigen Monographien und Bildbänden zum Jugendstil ist besonders zu nennen:

Ästhetische und religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwenden / hrsg. von Wolfgang Braungart, Gotthart Fuchs und Manfred Koch.
Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh.
Bd. 2. um 1900. 

Lothar Brieger: E. M. Lilien : eine künstlerische Entwicklung um die Jahrhundertwende.
Berlin : Benjamin Harz, 1922.

E. M. Lilien, Jugendstil, Erotik, Zionismus : eine Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien, 21. Okt. 1998 bis 10. Jänner 1999 und des Braunschweigischen Landesmuseums, 21. März bis 23. Mai 1999 / hrsg. von Oz Almog ... Katalogtexte: A. Schmidl ... - Wien : Mandelbaum, 1998.


Katalog der Jugendstilexponate

 


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