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Engel 2003

Eröffnung der Ausstellung

Engel sind überall

in der Bibelgalerie Meersburg 03. Mai bis 17. August 2003

"Engel sind überall!"
Meine Damen und Herren, im schriftlichen Text ist das Thema unserer Ausstellung mit einem Ausrufezeichen versehen, mag doch diese uneingeschränkte Behauptung vermessen klingen: "Engel sind überall!" Was wissen wir schon über Engel?

Nun, wenn Sie sich oben in den Ausstellungsräumen umschauen, stimmt das in der Tat: Überall Engel, als Papierfiguren und auf Bildern in Büchern aus der
Bibelsammlung der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart; ferner die gleichen Bilder in der Computerpräsentation: Engel elektronisch eingefangen und animiert!
Verschaffen wir uns Gewissheit über die Existenz oder Nichtexistenz himmlischer, gar geflügelter Zwischenwesen, indem wir sie in Bilder bannen und als Figuren nachgestalten? Und "nachgestalten" setzt voraus, dass es eine Vorlage, mindestens ein "Vorbild" gibt und zudem noch ein verbindliches!

Zu denken ist aber an ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das ganze Alte Testament zieht: Verneinung eines Bilder- und Götzenkultes zugunsten des einzig mächtigen Gottes mit Namen Jahwe. Das zweite Gebot schließlich wehrt als "Bilderverbot" das Anbeten der Götzenbilder ab. Das Alte Testament schildert in einem großartigen Szenarium, wie ein nomadisierendes Naturvolk - als Kultursprung quasi - zur Sesshaftigkeit gelangt und wie sich der Monotheismus herausbildet, der drei Weltreligionen beherrschen wird. Zuerst geschah dies in der Abwehr konkurrierender Götter, deren Existenz und beschränkte Macht gar nicht bestritten wurde, bis das Gottesbewusstsein diese Nebengötter als nutzlos, ja als gar nicht existent begriff. Die Theologen reden gerne von einem "strengen" Monotheismus, einer absoluten Alleinherrschaft des einen Gottes. Das "Schema Israel", eines der wichtigsten Gebete des Judentums, ruft mit Dtn 6,4 den einzigen Gott an:
"Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist ein einziger."
Er ist so einzigartig, dass er im Verlauf der Geschichte Israels nicht einmal mehr einen Namen braucht. Die Juden verschweigen ihn und nennen ihren Gott ehrfurchtsvoll nur "Herr" [adonai]. Die griechische Bibel, die Septuaginta, übernimmt dieses und übersetzt "kyrios", die lateinische Bibel, die Vulgata, macht daraus "dominus". Wenn wir von einem "strengen" Monotheismus sprechen, dann muss es folglich auch einen weniger strengen, lockeren, Monotheismus geben, wenigstens in der Definition der Theologen. Das kann nur heißen, in der geistigen Überwelt, in Himmel und Hölle, gebe es Wesenheiten, die neben, besser unterhalb dem einzigen Gott existieren.
Die Christen kennen den rationalen Widerspruch der "Drei-Einigkeit" von drei Personen eines Wesens und Willens. Denken kann man das nicht, nur als Geheimnis glauben. Das Christentum bestimmt sich aber - gegen das Judentum und den Islam - gerade aus diesem trinitarischen Geheimnis, mildert also diese furchterregende Andersheit eines absoluten einen Gottes und öffnet mit der Lehre von der Inkarnation des Gottessohnes und seinem kosmischen Erlösungswerk für die Welt den Weg zu dem sonst unnahbaren Gott. Gäbe es diesen Weg nicht, gäbe es auch keine Religion. Sie ist ja, wie der Name sagt, Gottesbezug. Die Menschen brauchen diese Beziehung und Vermittlung, auf welche Weise auch immer.
Neben einem modernen aufgeklärten und meist im Protestantismus gelehrten Gegenüber von himmlischer Trinität dort und der Welt hier, hielt sich abseits aller Dogmatik und Universitätsgelehrsamkeit im Volke permanent und in den esoterischen Lehren seit alters her die Vorstellung von einem abgestuften Himmel, von einem Heraustreten Gottes, das wir Emanation nennen. Dieses Heraustreten oder Sich-Ausfalten ereigne sich über mehrere Stationen bis herab in die irdische Welt, die wir einzig und allein mit unseren Sinnen wahrnehmen, dadurch aber in diesem sinnlichen Wahrnehmen das Göttliche erkennen. Das ist die Grundlage des Esoterischen. Am eindrücklichsten und am konsequentesten hat dies die jüdische Kabbala aufgenommen.
Nun haben in diesen erwähnten Abstufungen auch geistige Wesen ihren Platz, die als Mittler zwischen dem unendlichen Gott und der begrenzten Welt fungieren. Da ein solches Wesen - seinem "Wesen" gemäß - dann begegnet, wenn es etwas aus der geistigen Überwelt herüberbringt oder etwas Himmlisches oder Höllisches bewerkstelligt, nannte man es sinnvollerweise Himmelsbote oder Bote Gottes, hebräisch "male'ach", griechisch "angelos", lateinisch "angelus", woraus sich unser Wort "Engel" ableitet. Kundgaben aus der geistigen Welt, wie sie sich dem einzelnen auch immer dargestellt haben mögen, hat man über Personen erfahren oder meinte, ein solches Erfahrungsgeschehen personifizieren zu müssen. Ich will damit nicht behaupten, diese Erfahrungen seien nichts als Hirngespinste überbordender Fantasien, dann wären wir arm dran. Religionsgeschichtlich gesehen machte die Menschheit eine Phase durch, in der sie Phänomene der Natur, des Alltags, des Lebens, Phänomene der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Gottesbeziehung personifizierte, den Erscheinungen wie Blitz und Donner, Meer, Jagd, Liebe, Krieg, usw. usw. Göttern bzw. Göttinnen mit bestimmten Namen zuordnete.
C. G. Jung nannte die den Menschen betreffenden Phänomene Archetypen [Urbilder]. Und man darf jetzt nicht behaupten, die Tiefenpsychologie habe der wunderbaren Vorstellung von einer geistigen Gegenwelt, von einem Himmel und einer Hölle, außerhalb unser selbst, ein Ende gemacht. Weit gefehlt! Unsere religionsgeschichtlichen, philosophischen, theologischen und tiefenpsychologischen Erkenntnisse müssen uns zu folgender Einsicht bringen: Es gibt außerhalb unserer Sinnenwelt ungeahnte Höhen - so dachten die Alten - und ungeahnte Tiefen - so denkt die Moderne, wobei beide eigentlich dasselbe meinen, nur es sich anders vorstellen.
Zurück - oder gar empor zu den Engeln! Sie sind zu verstehen als personifizierte Beziehung zum Überirdischen; sie sind Bild gewordener Beweis für eine Erfahrung mit dem Geistigen, bestätigende Gewissheit, dass Geschehenes auf solche Wesen zurückzuführen sei, oder nur erst Sehnsucht nach einer solchen ErfahrungSie vermitteln demnach Geborgenheit und Sicherheit, sie sind Mittler und Weg nach den eben genannten Höhen und Tiefen, welche die Theologen zu erkennen suchen und die Tiefenpsychologen ausloten wollen. So ist es auch legitim, sie als Bild, nicht aus falsch verstandener Götzen- oder Heiligenverehrung oder aus Aberglaube heraus, als Erinnerung einfach bestehen zu lassen.
Trotzdem: die Konkurrenz zu anderen Mittlerfunktionen bleibt. Sie, meine Zuhörer, wissen ja, was in der Bibel Alten und Neuen Testaments letztendlich steht, wer der Mittler geworden ist. Folglich ist die Bibel, deren Zentrum Jesus Christus ist, nur bedingt ein Lesebuch für das Engelswesen.
Wenn man die Bibelstellen auflistet, in denen der Begriff "Engel" überhaupt vorkommt, merkt man schnell, dass es gewisse Verdichtungen mit massiven Engelsauftritten gibt, wie etwa in den ersten vier Mosebüchern, im Buch Richter, bei Daniel und Sacharja, namentlich im Buch Tobias oder in der Offenbarung des Johannes, und dass in anderen Büchern Engel über weite Strecken hinweg oder überhaupt nicht erwähnt werden, weil sie theologisch hier auch keinen Platz haben. Der Verkündigungsengel Gabriel, der Maria die Geburt ihres Sohnes Jesus vermeldet, hat nach der Geburt des Gottessohnes "nichts mehr zu melden". Er wäre nachgerade überflüssig!
Die Bibel ist kein Lehrbuch, keine Dogmatik, wie sie später die Theologen systematisch mit Kapiteln, Unterkapiteln von der Gotteslehre über die Schöpfung bis zur Lehre von der Endzeit, der Eschatologie, mit Zitaten, Fußnoten und Querverweisen, mit ausführlicher Bibliographie, Namens- und Sachregister und anderem mehr entworfen haben, bloß um von der folgenden Generation als veraltet abgetan zu werden.
Die Bibel besteht immer noch, nicht veraltet, als eine Summe einzelner Geschichten zwar, die eine je eigene Gotteserfahrung schildern, die aber doch im Hintergrund den roten Faden der Heilsgeschichte spinnt, und eben nicht nur den des Vergangenen, sondern auch den einer verheißenen Zukunft.
Schnell merkt man also, dass die Engelsvorstellungen in dieser vereinigten Pluralität zwar ihren Platz und Sinn haben, aber nicht unabdingbar, nicht notwendig sind.
Da wir mit dem Überirdischen traditionell den Himmel über uns meinen, müssen die Himmelswesen auch aus dem Himmel kommen, in Menschengestalt einhergehen, da sie mit uns reden, mit Flügeln ausgestattet, da sie fliegen müssen. Wir Aufgeklärten wissen, dass das aerodynamische Fliegen außerhalb der Atmosphäre nicht geht und dass der Mensch mit seiner Muskelanatomie und seinem ungleich größeren Gewicht als ein Vogel oder Flugsaurier nie zum Überwinden seiner eigenen Schwerkraft in der Lage wäre. Und dennoch:

Auch am Ende des 20. Jahrhunderts fliegen die Engel, posaunen apokalyptisch zum Beispiel bei HAP Grieshaber und stellen ihre Flügel zur Schau. Warum? Engelsbilder sind keine anatomischen Zeichnungen eines geistigen Wesens, sondern Abbild geistiger Vorgänge oder Zustände. Umgekehrt hat sich an dem Typus "Engel" und den damit verbundenen Attributen über die Jahrhunderte hin trotz Aufklärung und naturwissenschaftlicher Einsicht kaum etwas geändert.
Was gibt es also in der Ausstellung zu sehen?
Es beginnt allen gerade aufgestellten Behauptungen zum Trotz damit, dass im ersten Ausstellungsstück Engel gezeigt werden, die keine Flügel haben.
"Gottes Engel brauchen keine Flügel" [1] heißt der seit 1957 erscheinende Bestseller von Claus Westermann, ein konziliant-evangelischer Versuch, den Engelsbegriff für die Moderne noch einmal zu retten.

Von Raffael kennt alle Welt die zwei schelmisch blickenden Putten, Inbegriff der Renaissancekunst. Und nun hat uns gerade der berühmte Raffael ein Bild zu 1. Mose 18 hinterlassen, in dem die drei Gestalten, die Abraham besuchen, ohne Flügel daherkommen. Es ist auch eine eigenartige Geschichte, die uns da erzählt wird. Man erwartete eigentlich so etwas ähnliches wie die Verkündigung an Maria oder in der Parallelgeschichte die Botschaft an Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers.

Das sind klare Engelserscheinungen. Aber hier in dieser uralten Abrahamsgeschichte, da verwirrt sich die Vorstellung von untergeordnetem Himmelswesen und Gott selbst, der sich anscheinend dem Abraham offenbart, aber in drei menschlichen Gestalten auftritt. Nichts anderes steht im hebräischen Text [anaschim], auch nichts Eindeutiges, dass es sich um Männer gehandelt hätte. Bei dem genialen Raffael sehen wir drei undefinierbare, ungeschlechtliche Gestalten mit kräftigen Männerarmen und lieblichen Frauengesichtern!
Doch wollen wir die Verwirrung nicht zu weit treiben. Das Auge soll sich weiden dürfen an den thematisch zusammengestellten Bildern, die keine Rücksicht auf die künstlerische Epoche nehmen. Es mag ja interessant sein, wie einzelne Zeiten sich Engel vorgestellt und diese Vorstellung bildlich umgesetzt haben. Dass hier auch die zahlreichen Engel der Offenbarung einbezogen sind, soll angedeutet werden: Die Botschaft, die solche Himmelswesen zu überbringen haben, muss nicht immer etwas Gutes bedeuten. Unheil mag ebenso bevorstehen wie das Gute.
Wer heute landläufig von Engeln spricht, wird bei seinem Gegenüber sehr schnell den Gedanken an den individuellen Schutzengel erwecken, der angeblich jedem Menschen beistehe. Von dieser beruhigenden Vorstellung steht nun wirklich nichts in der Bibel, insbesondere nichts vom persönlich zugeordneten Schutzengel.

Gerne wird jedoch das Buch Tobias zitiert, in dem der Engel Raphael dem jungen Tobias bei allerlei wundersamen Abenteuern beisteht. Auch Raphael ist kein Beschützer in dem heute landläufigen Engelsglauben. Er hat eher einen göttlichen Auftrag, die Geschichte zu einem guten Ende zu bringen. Überdies gehört Tobias eben zu der bereits erwähnten nachbiblischen Tradition. Es sind im nachexilischen Judentum, das außerhalb Palästinas griechisch gesprochen hat, weitere literarische Zeugnisse, die sog. Apokryphen, entstanden, welche die alten hebräischen Gattungen wie sie z.B. das Buch Hiob, die Psalmen oder die Sprüche Salomo darstellen, nachahmen und teilweise unangenehm verzerren. Mir gefällt das Buch Tobias nicht. Das ist eine übertrieben fromme Zauberstory, in der sich alles in Wohlgefallen löst. Natürlich gab diese sehr bildreiche Geschichte den Künstlern Anlass, zum Beispiel Rembrandt, ihre Bilder dazu zu machen.
Es ist übrigens ein Dilemma der Illustration, Bilder im Text, also Metaphern, symbolgeladene Texte, einfach visuell wiederzugeben, den Textinhalt nach dem
Buchstabensinn für das Auge aufzubereiten

Besonders herausgestellt sei deshalb Max Beckmann mit seiner Uhr, deren Zeiger zwei Verkündigungsengel anhalten und sprechen: "Es soll hinfort keine Zeit mehr sein ..." [Offb. 10,6]. Hier interpretiert ein Künstler wenigstens zeitgemäß. Uhren gab es in der Antike noch nicht, auch nicht mit römischen Zahlen.


Das Böse, das im ganzen Vortrag bisher unterschwellig mitgeschwungen ist, tritt jetzt zutage: Racheengel und Todesengel, ja schließlich der Engelsfürst Luzifer, der "Lichtträger". Er wird wegen Überheblichkeit und Aufmüpfigkeit bestraft, zum Fürsten der Unterwelt abgestuft und heißt fortan "Satan".

Der Teufel also ein Engel! Unser kindliches Entweder-Oder: "Engele oder Teufele" will nicht mehr so ganz passen. Übrigens steht von der Geschichte, der Teufel sei ein gefallener Engel, auch nichts in der Bibel.
Warum verschweigt sie es? Nun, es gibt dafür einen ganz einfachen Grund: Das war so allgemein bekannt, dass man es nicht wiederholen musste. Und noch etwas: Was zur Zeit des vorchristlichen Judentums als heilige Schrift zu gelten hatte und was nicht, war damals noch gar nicht klar definiert. Das Buch Henoch, in dem die Geschichte vom Engelsfall erwähnt wird und das auch Jesus zitiert, gehörte durchaus zu den akzeptierten heiligen Schriften. Erst die spätere Tradition hat gereinigt, hat die allzu überladenen Geschichten aus dem Kanon der Bibel verbannt.
Der Satan spielt bei Hiob eine zentrale Figur. Und es empfiehlt sich, beim Thema Teufel die Bibelausgaben aus kirchlicher Verantwortung zu verlassen und sich in eine Epoche zu begeben, die das Destruktive, das unterbewusst Böse, die Todessehnsucht und die befreite Sexualität entdeckte und liebte: Es ist die Zeit der letzten Jahrhundertwende, als sich alternative Bewegungen aus einer kalten, machthungrigen, imperialistischen Gesellschaft zurückzogen und im Jugendstil und im späteren Expressionismus ein Ventil fanden.

Ganz brav und bürgerlich, aber vom Zeitgeist berührt, schuf der jüdische Künstler Ephraim Mose Lilien wunderschöne Jugendstil- Illustrationen zur Hebräischen Bibel.

Der Exzentriker William Blake beeinflusste den um zwei Generationen jüngeren Herbert Granville Fell, die beide den Teufel aber so vermenschlichen und so personifizieren, dass er als Person außerhalb unser selbst unglaub- würdig und als schwarze Finsternis in der Tiefe unserer Seele eindrücklich wird.

 

So wie die himmlische Zwischenwelt von Engeln bevölkert sei, so sei auch die Hölle von allerlei Geistern, Dämonen, Kobolden, Wichteln, Trollen und was auch immer bewohnt, von Wesen, die dem Menschen zu schaffen machen, ihn zu besitzen suchen, und deren man sich erwehren muss. Insbesondere die Jesus- geschichten sind voll von diesen Dämonen, was aber Künstler aller Zeiten nicht davon abhielt, den im Volksglauben virulenten Geisterglauben auch dort ins Bild zu setzen, wo der Bibeltext gar nichts darüber aussagt.

In der wunderschönen Kölner Bibel, der ersten niederdeutschen Bibel vor Luther im Jahr 1478, findet sich eine berühmte Holzschnittserie, die gekrönt wird mit einem Schöpfungsbild, das aus der mittelalterlichen Tradition stammt, und hier zu besonderem Reichtum ausgestaltet wurde. Doch zuvor ist auf das ebenso häufig gezeigte Bild mit der Arche Noah einzugehen. Nicht die Arche zieht jetzt die Aufmerksamkeit auf sich, sondern die im Wasser schwimmenden Nixen, die teilweise mit nacktem Oberkörper neckisch aus dem Wasser blicken.

Eine Ungeheuerlichkeit wäre so etwas heute trotz unserer freizügigen Gesellschaft, wollte das eine kirchlich ausgerichtete oder dem Evangelikalismus angehörende Bibelgesellschaft so herausbringen. Das Bild ist aber kein Softporno, sondern diese Wassernixen gelten als Symbole für die Widerwärtigkeit des Wassers, für den die Erde umgebenden Urozean, in dem nach antiker Auffassung das Böse Zuhause ist.
Schauen wir uns in der Abteilung "Himmlische Heerscharen", "Cherubim und Seraphim" das oben erwähnte Schöpfungsbild an, dann tauchen die Wassernixen im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf. Und beide Bilder haben gemeinsam, dass ein Geborgenheitssymbol das Gute obsiegen lässt. Die Arche, das runde Schiff - ein Abbild des weiblichen Uterus - birgt die Menschenkinder und sonst alles lebendige Geschaffene.

Die Darstellung der Welt als Zustand mit dem seinen Geist ausgießenden Gott wird gleichzeitig in dem Moment gezeigt, als Gott unten im Paradies auf der Erdscheibe Adam und Eva in die Geschlechtlichkeit entlässt, wo nun echtes Menschsein entsteht und der Mensch in seine Verantwortung gestellt wird und zum geschichtlichen Wesen wird. Interessant ist, dass die Engel hier keine Rolle spielen. Sie gehören hinauf in den Himmel als Diener der ewigen Anbetung, zusammen mit den Heiligen und Märtyrern.

Überhaupt ist beim Heraussuchen von Beispielen manche Stelle aufgefallen, für die man Engelsbilder erwartet hätte, wo aber keine gefunden wurden.

Da ist einmal das Pendant zu dem spätmittelalterlichen Schöpfungsbild in der ersten lutherischen Vollbibel von 1534. Der evangelische Künstler "M.S.", von dem wir nur dieses Monogramm kennen, verhüllt den Engelshimmel mit einer "Wolke des Nichtwissens". Ich erlaube mir diesen Begriff von dem englischen mystischen Traktat "The cloud of unknowing" auszuleihen, wiewohl es nicht um Mystik, sondern um theologisches Wissen geht. Der Protestantismus hat zugunsten seines "Verbum Solum" und "Solus Christus" den Engelsglauben hintangestellt, nicht verboten, aber auch nicht gefördert. Erst das 19. Jahrhundert frönt unter dem Einfluss der Renaissance dem Weihnachtsengel und dem Schutzengel, wie zahlreiche Schlafzimmerbilder verraten. Und so haben die beiden Erfolgskünstler Julius Schnorr von Carolsfeld und Gustave Doré herrliche und so typische Flügelgestalten geschaffen.
Die Bibelillustration im ganzen bleibt allerdings bescheidener, da der bändigende Text das Ausufern behindert.

Zum Schluss sei noch aufmerksam gemacht auf den allseits bekannten katholischen Priester und Gegenwartskünstler Sieger Köder, ein echt schwäbisches Original aus dem Ellwangischen. Er gehört einer - aus katholischer Sicht - progressiven Theologengeneration an, die in Tübingen in den sechziger Jahren die Bibel als Quelle der Theologie wirklich neu entdeckt hat. "Eine Tübinger Bibel in Bildern" heißt sein bekanntes Oeuvre mit den groß- formatigen Schwarzweißgraphiken. Später sind ähnliche Bilder in Farbe entstanden. Und was begegnet uns auf Jakobs Himmelsleiter, wo die Engel auf- und niedersteigen? Keine Engel, sondern Gottes bergende Hände.

Die beiden letzten Jahrzehnte aber haben einer verstandesbetonten Theologie entgegengewirkt.
In Kirchenkreisen beklagt man das esoterische Ausufern und das Überfremden der genuinen christ- lichen Botschaft. Gewiss! Nur muss man eingestehen, dass dieser Kampf gegen das, was man aus der Sicht der Kirche als Aberglauben bezeichnet, seit Menschengedenken geführt wurde. Beide, die Esoterik und die rationale Theologie, der Aberglaube und die ströherne Frömmigkeit müssen sich gegenseitig reiben und befruchten. Vielleicht bewahrt sich dann auch ein angemessenes Engelsbild. 

Eberhard Zwink

© WLB Stuttgart 2003

[1] Gottes Engel brauchen keine Flügel / Claus Westermann. - [Nachdr., 8. Aufl.] - Stuttgart : Kreuz-Verl., 2001. - 126 S. ISBN 3-7831-0535-8

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