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ompatim (deutsche Fassung)

Was bedeutet "ompatim" in der Stuttgarter Vulgata von 1519?

Englische Fassung

Auf mehreren Seiten im vorderen Teil vor Beginn des Buches Genesis [S. 52-54] enthält die Stuttgarter Vulgata Notizen aus einem verschollenen hebräischen Psalter Martin Luthers. Zu diesen Eintragungen gehört eine Abschrift einer elfzeiligen lateinischen Meditation, die Luther vermutlich im Sommer 1521 zu seinem Trost in seinen Psalter eigenhändig eintrug. Im Unterschied zu sämtlichen anderen handschriftlichen Eintragungen in der Stuttgarter Bibel, die man aus anderen Quellen inzwischen kennt, ist dieser Text anders und bislang völlig unbekannt. Bis auf ein Wort, das Schlußwort der Überschrift, hat man den lesbaren Urtext "Or(ati)o fraternitat(i)s in mundo & ompatim" entschlüsselt: "Gebet der Bruderschaft in der Welt und ... (?)".

Weil unmittelbar darüber die Quelle "ex psalterio D.M.L." angegeben ist, gehört er wie einige andere Notizen auf diesen Seiten in Luthers "Wartburgzeit" (5. Mai 1521 bis 1. März 1522), als sich der Reformator bewußt noch als "armer Bruder" auswies (so am 17. September 1521). Auch paßt er zu Luthers Situation, bildet seine Mitte ein Vers aus dem 16. Kapitel des Johannes-Evangeliums, den Luther auf der Wartburg übersetzte: "Das yhr ynn myr fride habet/ ynn der wellt habet yhr angst/ aber seyd getrost/ ich habe die welt vbir wunden". Das Kapitel beginnt mit einem Gedanken, den Luther bezeichnenderweise wiedergab: "Es kompt die zeyt/ Sie werden euch ynn den ban thun".

Das kuriose, unsinnig wirkende Wort "ompatim" ist aber möglicherweise ein Anagramm, hatte sich Luther, wie später auch Calvin (vgl. "Alcvinus" für "Calvinus"), in kritischen Zeiten des Buchstabenversetzrätsels bedient, zum Beispiel 1530 auf der Veste Coburg, als man ihn und "seine anhenger" erneut mit der Durchführung des nur ruhenden Wormser Edikts (1521) drohte. Er drehte die Buchstaben von "Koburg" um und machte daraus "Grubok". Und doch müßte das imperfekte Anagramm "ompatim" gar nicht erst von Luther selbst stammen, benutzten im 16. Jahrhundert vor allem auch die vielen religiösen Orden und Bruderschaften diese Geheimsprache in ihren Liturgien. Auch gehörten in Kursachsen höchste Beamte Bruderschaften an, allen voran der Kurfürst.

"Ompatim" wäre somit eine weitere Verschleierung des Codenamens "Pathmos", ein bislang unbekannter Hinweis für Eingeweihte auf Luthers Versteck, die Wartburg.

Weil aber Pathmos lateinisch "Patmus" heißt, könnte es sich hier um eine Umstellung der Buchstaben "in Patmo" (vgl. Cranach: "ex Pat(h)mo") sein, wobei aus dem "in" zur Verschleierung ein "im", eine lateinische Lokativ-Endung, wurde. Die Nachwelt hat es freilich leicht, "Pathmos" mit der Wartburg gleichzusetzen. Tatsache ist aber, daß von den rund 40 noch erhaltenen Lutherbriefen aus der Wartburgzeit nur ein einziger die berühmte Anspielung auf jene Insel vor der Küste Kleinasiens enthält, wo zur Zeit der Bibelentstehung ein ebenfalls von einem Kaiser verbannter Schreiber (Luther übersetzt Offenbarung 1, 9: "Johannes/ ewer bruder/ vnd mitgenossß am trubsall... ynn der Insulen Pathmos") seine "Offenbarung" in wenigen Monaten niederschrieb.

Dies war der Brief Luthers an den kurfürstlichen Hofkaplan Georg Spalatin vom 10. Juni 1521. Darin versicherte er seinem Freund, alles zu tun, "damit mein Aufenthaltsort nicht bekannt wird". Dieses Schreiben unterzeichnete er mit einem Pseudonym und gab rätselhaft zum Schluß an: "ex insula Pathmo". Anschließend, in weniger als 10 Wochen, übersetzte "Bruder Martin" das ganze Neue Testament.

Nicht alle Briefe Luthers aus der Wartburgzeit sind erhalten, aber aus dem Vorhandenen ist ersichtlich, daß Luther, als er Mitte Juli 1521 glaubte, seine Gegenspieler hätten seinen Versteck erraten, das Wort "Pathmos" wieder fallenließ und andere kryptische Ortsbezeichnungen benutzte.

Die Stuttgarter Bibel enthält also doch noch ungedrucktes Material aus der Reformationszeit wie eben dieses echte Luther-Dokument.

Andreas Baudler

 


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