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Trubar-Bibeln - Einführung

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Bibeln und andere geistliche Literatur

Einige wichtige Ereignisse im Zusammenhang mit der Geschichte der Württembergischen Landesbibliothek fielen - durch Zufall oder Fügung - auf den Geburtstag ihres Gründers Herzog Karl Eugen, nämlich auf den 11. Februar. An diesem Tag gründete er im Jahr 1765 unsere Bibliothek, im Jahr 1784 befand er sich mit seiner allerliebsten Freundin und späteren zweiten Ehefrau Franziska von Hohenheim zu diplomatischem Besuch und sonstigem Zweck in Kopenhagen. Wie schon sein Vater, war der württembergische Herzog katholisch und hatte anscheinend im lutherischen Kopenhagen eine katholische Kirche gefunden. Er notiert in seinem Tagebuch zu seinem Geburtstag:

Mittwoch, den 11ten Februar … Nach geendigter Messe fuhr Ich zu dem Pastor Lorck, der die bekannte, aus 5000 Bänden bestehende schöne Bibelsamlung besitzt: allda verweilte Ich mich bey zwei Stunden, besahe seinen Vorrath und ließ mir durch ihme die nöthige Auskünfte geben. Seine Samlung fand Ich so gut und selten, daß ich keinen Anstand nahm, solche durch meinen Leib-Chirurgen Profs. Klein feilbieten zu lassen …

[1] Dass Karl Eugen diese Sammlung neun Tage später von dem Pfarrer an der deutschen Kirche in Kopenhagen Josias Lorck wirklich erwarb, ist allgemein bekannt, dass er die Kaufverhandlungen über seinen Leibchirurgen abwickelte, ist merkwürdig. Stellen Sie sich vor, Ihr Hausarzt würde für Sie Ihre Bücher kaufen! Nun, merkwürdig war es auf alle Fälle, dass ein nicht protestantischer Fürst nicht nur diese größte private Bibelsammlung aller Zeiten erwarb, sondern zwei Jahre später, also 1786 auch diejenige des lutherischen Pfarrers Georg Wolfgang Panzer aus Nürnberg hinzufügte. Repräsentationsgelüste spielten sicher eine große Rolle. Die dritte bedeutende Sammlung des lutherisch-orthodoxen streitbaren Theologen und Pastors in Hamburg Johann Melchior Goeze konnte er allerdings nicht bekommen. Diese Sammlung ist dann im zweiten Weltkrieg in Hamburg verbrannt.
Die Säkularisation brachte den reichen Segen neuwürttembergischer Klosterbibliotheken nach Stuttgart. Die Bibelsammlung profitierte dabei insbesondere bei den Inkunabeln, bei lateinischen Ausgaben und den selteneren deutschen katholischen Übersetzungen.
Seit 1817 erhält die Bibliothek über das Pflichtexemplarrecht die Verlagsprodukte der Württembergischen Bibelanstalt, heute der Deutschen Bibelgesellschaft, und des Katholischen Bibelwerks. So baut sich seit beinahe 200 Jahren ein dichtes Netz von deutschen Bibelausgaben [2] auf.

Mit dem Altbestand zusammen ist hier die weltweit größte Ansammlung deutschsprachiger Bibeln zu finden. Überhaupt ist die Sammlung heute unter den ersten drei oder vier in der Welt anzusiedeln. Sie ist nämlich kein ausgesprochenes Württembergicum, sondern ein der heute in aller Munde geführten "Globalisierung" schon lange vorauseilendes Phänomen: ca. 500 Sprachen und Dialekte aus aller Welt sind hier zu finden. Die Zeitbeschränkung verbietet es, auf die komplexe Geschichte der nichteuropäischen Übersetzungen einzugehen, wovon höchst interessante und geschichtsträchtige Ausgaben vorhanden sind.
Dennoch gibt es große Lücken auf der einen und Schwerpunkte, ja Bereiche absoluter Vollständigkeit auf der anderen Seite. Lorck und Panzer, die berühmten Vorbesitzer, legten das Gewicht auf Deutschland und namentlich Lorck auf Nordeuropa sowie - wie es sich für gebildete Theologen gehört - auf die Grundsprachen Hebräisch, Griechisch und Lateinisch.
Dass man in der erst 1765 gegründeten Bibliothek aber auch Slavica, sogar aus dem 16. Jahrhundert findet, lässt sich pauschal folgendermaßen erklären:
Lorcks Erwerbungserfolge erstreckten sich u.a. auch auf die skandinavischen, baltischen und westslawischen Sprachen. Ferner unterstützten deutsche Zentren des Protestantismus, namentlich Tübingen und Wittenberg, den Druck der südslawischen Übersetzungen des slowenischen Reformators Primus Truber, so dass vom Druckort und Verbreitungsursprung her diese Slavica wie deutsche Publikationen anzusehen sind. Es verwundert deshalb nicht, dass die große in Wittenberg gedruckte Folioausgabe der slowenischen Dalmatin-Bibel von 1584 aus der Lorck-Sammlung [3] stammt, ebenso wie vom kroatischen Neuen Testament ein Band der glagolitischen Version von 1562, ferner auch die Oktavausgabe des slowenischen Neuen Testaments, Tübingen bei Gruppenbach 1582.

Zum anderen sind ja die meisten Drucke Primus Trubers in Tübingen bzw. Urach herausgekommen. Truber war ordentlicher württembergischer Pfarrer in Derendingen. So hatte das Konsistorium, die Kirchenbehörde, wirklich Grund, Exemplare seiner Werke in der Konsistorialbibliothek zu bewahren. Aus den alten Katalogen [4] geht hervor, dass mindestens das kroatische Neue Testament mit kyrillischer Schrift von 1563 und das slowenische Neue Testament von 1577 aus dieser Bibliothek stammen und heute in der Landesbibliothek sind. Karl Eugen hatte in den ersten Jahren nach der Gründung seiner herzoglichen Bibliothek alle staatlichen Büchersammlungen in dem neuen Institut vereinigt, und dazu gehörte eben auch die Bibliothek der württembergischen Kirche.

Die Sprachen und Dialekte des östlichen Oberitalien sind nicht so häufig verschriftlicht wie die Hochsprache, weshalb wir nur mit Mühe eine moderne Postille in Friaulisch und ein Beispiel venezianischer Bibelübersetzung anbieten können. 

Stichwort Venedig: Die Lagunenstadt war auch in Zeiten des frühen Buchdrucks eines der wichtigsten kulturellen Zentren. Aldus Manutius d.Ä. druckte als erster christliche Texte in Griechisch: 1497 einen Psalter, 1518 eine Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testaments. In dieser Zeit blühte auch der Druck hebräischer Texte durch die in Venedig tätigen Juden. Daniel Bombergs zweite große Rabbiner-Bibel mit aramäischem Targum und mittelalterlichen Kommentaren von 1524/25 ist berühmt. Unser Exemplar stammt aus dem Besitz von Wilhelm Schickard, dem Tübinger Orientalisten, Mathematiker, Erfinder der ersten Rechenmaschine, Astronomen und Freund Johannes Keplers. Damit schließt sich der Kreis im württembergischen Tübingen. Dass viele Ausgaben auch hier in Stuttgart zu finden sind, beweist die regionale Akzentuierung, aber auch die Vielfalt und Internationalität unserer Bibelsammlung.

Internationalität impliziert den Friedensgedanken. Ich habe unter diesem Aspekt u.a. die Zehn Gebote, den 23. Psalm oder die Bergpredigt aufgeschlagen. Besonders in ihr kulminiert die Utopie des Christentums. Sie wurde in den letzten zweitausend Jahren millionenfach geschrieben, gedruckt und zitiert. Ein einiges,­ in seiner Vielfalt christliches Europa könnte davon Beispielhaftes verwirklichen.

Dr. Eberhard Zwink

Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

07.05.2007

 

 

 

[1] Tagbücher seiner Rayßen nach Prag und Dresden, durch die Schweiz und deren Gebürge, nach Nieder-Sachßen und Dännemarck, durch die angesehensten Clöster Schwabens, auf die Franckforter Messe, nach Mömpelgardt, nach den beiden Königreichen Franckreich...: in den Jahren 1783 - 1791 / vom Herzog Carl Eugen selbsten geschrieben und Franziska von Hohenheim gewidmet. Hrsg. von Robert Uhland. - Tübingen : Wunderlich, 1968. - S. 151

[2] ca. 5600 Einheiten

[3] vgl. Bibliotheca Biblica Serenissimi Würtenbergensium Ducis olim Lorckiana / Edita a Jacobo Georgio Christiano Adler. - Altonae. - Pars 4. - S. 1313f. -- Biblia vindica seu croatica seu dalmatina.

[4] Neües Testament in Crobatischer Sprach mit Cÿrilisch buchstaben... Tüb. 1563 (Cod.hist.fol.1075-1, Bl. 732v.) - Testm. N. in Windisch. sprach. (Cod.hist.fol.1073, unter "T.")

 


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